Manga 101 – Wortgewaber

Guten Abend und willkommen zu einer Art kurzen Einführung ins Format der Mangas (und grob gefasst wohl auch der Animes).

Ich wurde aus verlässlicher Quelle informiert, dass einer der Gründe, wieso es schwer fällt sich mit Mangas und Animes zu beschäftigen die vielen unbekannten (und auf den ersten Blick wohl auch verwirrenden) Begriffe sind, mit denen so um sich geworfen wird. Genau da wird dieser Eintrag nun ansetzten, also auf geht’s!

Fangen wir bei den Büchern (und Serien) selbst und ihren Autoren an:

Manga sind vereinfacht gesagt Comics aus Japan, meistens schwarz-weiß in der Gestaltung und sie werden meistens von rechts nach links gelesen.

In dem Zusammenhang will ich auch noch kurz Manhua (Comics aus China) und Manhwa (Comics auf Taiwan) erwähnen, da sie oftmals in denselben Zusammenhängen auftauchen.

Anime bezeichnet im Allgemeinen Animationsserien und -filme, die in Japan produziert wurden; darunter sind unter anderem auch Verfilmungen von Mangas.

Mangaka ist der Begriff, mit dem Manga-Autoren bezeichnet werden.

So viel dazu. Die nächste Welle an Terminologie rollt auf einen zu, wenn man sich Genre-Bezeichnungen ansieht:

Shōjo und Shōnen sind wohl die Begriffe, die man am ehesten aufschnappt. Interessant hierbei ist, dass die beiden Genres vielmehr Zielgruppen beschreiben, als ein bestimmtes Genre zu beschreiben, denn Shōjo bedeutet übersetzt „Mädchen“ oder „Junge Frau“ und ist auf eben diese angesetzt. Die Geschichten haben oftmals einen Fokus auf Romantik (oder Emotionen generell) und die Zeichnungen sind eher fein.

Shōnen bedeutet übersetzt „Junge“ und genau das ist, wie schon bei Shōjo, die Zielgruppe. Die Erzählungen sind actionlastiger und der Zeichenstil im Vergleich simpler und kräftiger. Die unterschiedlichen Zeichenstile seien an dieser Stelle erwähnt, weil sie – wenn auch subtil – Auswirkungen darauf haben, wie der Manga als Ganzes wahrgenommen (wie das bei Comics generell eben so ist).

Die älteren Ausführungen, wenn man es so nennen kann, sind Josei (Geschichten, die für erwachsene Frauen intendiert sind) und Seinen (Geschichten, die für erwachsene Männer intendiert sind).

Was die räumliche und zeitliche Komponente angeht ist keines des vier Genres so wirklich festgelegt, sie können also von Alltagsgeschichten über Historische Erzählungen bis hin zu Fantasy, Science Fiction oder einem Mix aus allen vorher genannten alles behandeln.

Und zu guter Letzt wenden wir uns noch Genrebegriffen zu, die tatsächlich den Inhalt beschreiben:

Hentai ist da wohl der bekannteste Begriff und bezeichnet kurz gesagt Pornografie. Davon wird oftmals Ecchi als, im Vergleich zu Hentai, softpornografisch abgegrenzt. Meines Wissens nach handelt es sich hauptsächlich um heterosexuelle Darstellungen.

Shōnen Ai/Yaoi sind Genres, die männliche Homosexualität thematisieren. Der Unterschied zwischen den beiden ist, dass Yaoi explizite sexuelle Handlungen oder Beziehungen thematisiert bzw. diese auch darstellt und Shōnen Ai im Gegensatz dazu den Fokus auf Romantik und die Entwicklung romantischer Beziehungen legt. Die Zielgruppe dieser Genres sind übrigens eine weibliche Leserschaft, was natürlich nicht bedeutet, dass nur Frauen diese Mangas lesen.

Shōjo Ai/Yuri thematisieren, wie man vielleicht erahnen kann, weibliche Homosexualität und die Unterscheidung zwischen den beiden funktioniert genau so wie bei Shōnen Ai/Yaoi.

Bara thematisiert, wie auch Shōnen Ai/Yaoi, männliche Homosexualität, unterscheidet sich allerdings darin, dass es für eine männliche homosexuelle Leserschaft gedacht ist.

Und damit wären wir auch schon am Ende. Ich hoffe, dieser Eintrag hat zumindest ein wenig Licht ins Dunkel des Begriffe-Dschungels gebracht.

Ich bin jetzt schon eine ganze Weile auf Twitter unterwegs. Ich liebe Twitter, aus verschiedenen Gründen und ich hasse es aus so viel mehr Gründen. Ich hab wirklich lange Zeit gegrübelt, ob ich es mir als Buchbloggerin (zugegebenerweise zuletzt meist Reisebloggerin) erlauben kann, mich mit einem solchen Beitrag derartig in die Nesseln zu setzen und vielleicht auch dem einen oder anderen auf den Schlips zu treten – aber hey, wir leben alle nur einmal und so.

Trotzdem: Twitter und ich haben ein Problem. Nicht häufig, aber manchmal. Hin und wieder bricht die Hölle los und dann ist eben Holland in Not.

Twitter hat mir viele fantastische Menschen beschert – da ist die großartige deutsche Leser-, Blogger- und Autorencommunity; aber auch die amerikanische. Ich habe gelesen und geschrieben und diskutiert und geplant und nicht umgesetzt und doch umgesetzt. Wie das Leben eben so ist.

Neben den vielen fantastischen Menschen hat mir Twitter bis dato aber auch eine gehörige Portion Drama serviert. Vieles davon ist mittlerweile schon eine Weile her, trotzdem denke ich recht häufig darüber nach, was ich zu diesem Drama beigetragen habe – auch wenn ich eigentlich von Anfang an mit einer “Do no wrong”-Prämisse an das ganze Unterfangen Twitter heran gegangen bin. Menschen, die mir wirklich wichtig geworden sind, sind leider abgebogen und haben andere Wege gewählt; ich wünschte nur, das wäre alles mit weniger Schlammschlacht von Statten gegangen.
Twitter ist ein Mikrokosmos unseres Soziallebens – alles passiert schneller, härter, intensiver; und so sehr ich meinen Kopf davon frei kriegen wollte, so gab es eben Tage, in denen ich mich mit Magenschmerzen eingeloggt habe, weil ich Angst vor dem hatte, was dort auf Twitter war.

Das Drama im Twitterkosmos wird sicherlich von seinem natürlichen Habitat begünstigt: Asynchroner, unpersönlicher Kommunikation, aus der sich Intonation und insbesondere Sarkasmus häufig nicht erkennen lassen. Missverständnisse stehen an der Tagesordnung und eigentlich sollten wir, die so treffend als Digital Natives bezeichnet werden, das wissen und uns auch entsprechend verhalten. Trotzdem gibt es Streit, nicht nur Zank, der manchmal schlichtweg die Grenzen des guten Geschmacks verlässt.
Genau das ist der Konflikt, den Twitter und ich hegen. Die Grenzen von dem was angebracht ist und was nicht – zum Großteil sicherlich weil ich mir eben selbst nicht besonders sicher bin.

Bei all den Fehden, die ich so erlebt habe hat sich ein Satz bei mir besonders eingebrannt. Ein Satz, über den ich jetzt lange nachgedacht habe und subsequent auch darüber, was digitale Beziehungen für mich bedeuten und wie ich mich den Menschen, die ich im Laufe meines digitalen Lebens so treffe, verhalte.

“Nie was faven oder retweeten, aber jetzt das Maul aufreissen.”

Wumms.

Ist ne Ansage, kann man nicht debattieren.
Was man allerdings debattieren kann: Schulde ich irgendwem irgendwas, damit ich meine Meinung sagen darf? Ist dieser Satz eben angebracht?

Nicht ansatzweise.

Lasst mich erklären. Ich folge auf Twitter zum aktuellen Zeitpunkt 1288 Accounts. Tausendzweihundertachtundachtzig Accounts denen ich folge, weil ich das, was sie posten, eben gut finde. Weil ich es gerne lese. Weil ich gerne meinen Morgenkaffee trinke und darüber kichere, was geschrieben wird, mich aufrege, wenn irgendwem unrecht geschieht, weil ich mitleide, wenn jemand leidet.
Das sind Menschen, über tausend um genau zu sein, und jeden Einzelnen davon schätze ich. Ich teile nicht mit jedem die politische Meinung oder das Alter oder die Leidenschaft, aber trotzdem gibt es etwas, was ich an jedem dieser Menschen bewundere, schätze oder mag – sonst würde ich ihnen schließlich nicht folgen. Blöderweise habe ich diesen Satz – wenn auch zumeist in deutlich netteren Abwandlungen – häufiger gehört als ich selbst glauben mag.

Ich gebe mir Mühe bestimmte Accounts zu fördern, wenn ich sie eben als unterstützenswert wahrnehme. Insbesondere Autoren und Blogger, welche sonst eher im Schatten schreiben, verdienen meiner Meinung nach Aufmerksamkeit.
Trotzdem: Ich habe keine Twitterliste, wo ich mir jeden Tag notiere wen ich denn heute schon so gefavt hab, wer mal wieder ein Retweet verdient oder wer diese Woche noch im Dunklen geblieben ist. Wenn ein Account zum richtigen Zeitpunkt da ist und die Rahmenbedingungen stimmen, dann gebe ich mein Bestes um ein kleines Bisschen zu helfen.
Twitter ist weder mein Beruf noch mein Leben. Ich studiere, arbeite, liebe, lebe, koche, trinke Tee, lese, heule, zocke, ärgere mich – und nebenbei, wenn ich die Zeit habe, dann verbringe ich Zeit mit den Twittermenschen, den ganz fantastischen Twittermenschen, die mir eben auch fehlen, wenn ich zu lange weg bin.

Trotzdem weigere ich mich mir Schuldgefühle einreden zu lassen, weil ich nicht genug fave oder retweete oder lobhudele. Die meisten eurer Tweets strömen von mir ungesehen denn Datenfluss hinunter und versinken dann langsam aber beharrlich im binären Ozean aus Einsen und Nullen. Selbst wenn ich wollte, dann könnte ich gar nicht alles lesen – und dass ich das alles betonen muss ist schon Wahnsinn genug.

Ich bin kein Service-Dienstleister, der euch Bestätigung geben muss. Ich folge euch, weil ich euch und eure kleinen und großen Abenteuer spannend finde, nicht weil ihr mir zurückfolgt oder mich bebauchpinselt. Ich hoffe ehrlich und aus tiefstem Herzen, dass es euch da nicht anders geht – natürlich netzwerken wir alle irgendwie zweckgebunden, aber im Vordergrund steht – für mich – nach wie vor der Mensch.

Ich liebe Twitter, aber manchmal ist es eben toxisch. Manchmal saugt es einen fort von dem was wichtig ist und man verliert den Blick fürs Wesentliche. Genau deswegen brauche ich Twitterpausen, hin und wieder, um mich auf das zu konzentrieren, was prioritär sein sollte: Familie, Beruf, Studium.
Pausen sind notwendig – für mich und euch gleichermaßen. Wir schulden uns nichts. Ihr mir nicht, ich euch nicht. Ich bin dankbar für Support, den ich von euch kriege, aber ich maße mir nicht an, eben jenen von euch einzufordern.

Was ich für mich aus dem ganzen Debakel mitnehme? Hinter jedem Bildschirm sitzt ein Mensch mit eigenen Aspirationen und Vorstellungen und ich glaube, das wir alle mal ein bisschen tief durchatmen und uns daran erinnern müssen.


Übrigens, ich habe auch einen Facebookaccount. Mit genau 57 Freunden, meinem Kater als Profilbild und der Möglichkeit, mich jederzeit auf einer persönlicheren Ebene als zwischen knapp 1000 anderen Menschen zu kontaktieren. Nur so als Randbemerkung.

Es ist mal wieder Sonntag, ein komischer Sonntag, das ist er heute. Ein Adventssonntag in Deutschland – in Russland nicht. Weihachten wird hier erst im Januar gefeiert und meine Gastfamilie rollt schon seit zwei Wochen die Augen, seitdem ich pünktlich zu Dezemberbeginn in den Weihnachtsmodus digitiert bin. 

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Katja & Ich. Es war saukalt.

Meine Gastschwester Katja liegt auf dem Sofa; sie ist erschöpft von der Woche und spielt Sims. Mein Gastbruder Denis poltert der Katze Frossja durch die Wohnung hinterher und meine Gasteltern Dima und Natasha sind einkaufen. Es ist leise, zu leise, trotz der bunten Grundgeräuschkulisse aus Nachbarn, Sims-Musik, Katze und Denis. Heute ist ein glücklichtrauriger Tag, so glücklichtraurig wie der Hausmeister, wenn er von seiner Frau spricht. 

Der Winter ist zurückgekommen, polternd und hart hat er Russland im Griff. Deswegen auch keine Ausgabe letzte Woche – unser Internet geht erst wieder seit Freitag und da war es dann irgendwie schon zu spät. Die letzten zwei Wochen passen sowieso sehr gut zusammen, da werden sie einfach in eine Ausgabe gequetscht.

Der Winter kam und er hat sich alles genommen, Heizung, Strom, Internet. Die verschiedenen Infrastrukturen flackern wie fragwürdig-bunte Lichterketten an den Häusern. Duschen ist jeden Abend ein Erlebnis, ein Roulette aus kaltem Wasser und völliger Dunkelheit und dem gehässigen Gelache aller anderen, wenn man wieder jemand schreiend in der Finsternis unter der Dusche feststeckt. 

Ich habe mich davor gedrückt, das alles aufzuschreiben, weil ich selber nicht so genau weiß, was ich sagen möchte. Zwei Monate, acht Wochen, 60 Tage – das ist nicht die Welt. Das ist kein Jahr, keine fünf Jahre, keine zehn Jahre, aber es hat genügt, um mich mehr zu verändern und dimensionieren als die letzten zwei Jahre in Deutschland. Ich fühle mich kleiner, stiller, größer und lauter; alles gleichzeitig, und das ist verwirrend. Ich möchte davon erzählen, wie dankbar ich bin, dass hier alles erleben zu dürfen; von den weißen Landschaften, komischen Bräuchen, ewigen Seen und lebensgefährlichen Straßen. Von dem Lachen, von dem Lärm, der Wärme – vom wärmsten Winter, den ich je erleben durfte. Ich möchte von Katja erzählen, die mit 16 weiser ist als ich es mit 60 jemals sein werde; von Natasha, welche mein personifiziertes всё вудет хорошо ist; von Dima, der jeden Tag hart arbeitet und dabei so weich bleibt; von Denis, den ich um seine Neugierde und seine Energie beneide. 

Doch da ist mehr. Da ist ein grauer Schleier der in der Luft hängt und mich fragt, was ich jetzt tun werde. Zuhause geht es ins vorerst letzte Studienjahr und ich habe das Gefühl, dass ich noch lange nicht soweit bin. Da wartet der Freund, mein Urvertrauen, von dem ich weiß, das alles gut sein wird, aber was wenn nicht? Da sind all die Probleme, denen ich so bequem entflohen bin, auf die andere Seite der Welt. 

Was kommt jetzt? 

Was kommt nach zwei Monaten hundert Prozent? 

Die letzten zwei Wochen waren intensiver als alle sechs vorherigen zusammen. Ich habe Interviews gegeben und war an anderen Schulen, ich habe von Deutschland erzählt und Weihnachten in Deutschland und habe in leuchtende Schüleraugen geguckt. Ich war an der Universität und habe dort erzählt, vor mehr Leuten als ich jemals wieder möchte. Ich habe Menschen kennen gelernt und sie gemocht, ich habe sie auf einen, zwei oder drei Kaffees getroffen und sie haben erzählt. Ich war auf einem indischen Markt und habe danach drei Tage nach Räucherstäbchen gerochen, sehr zum Missfallen meiner Schüler, ich habe gelernt wie man stickt, weil Katja es mir mit Engelsgeduld beigebracht hat. Ich habe gelernt, dass man in Russland bei KFC Käsesoße zu den Pommes bekommt und war angemessenerweise verwundert.

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“Guten Tag!” soll ich den Menschen in Deutschland sagen. Das sei hiermit getan.

Ich war auch in der Schule meiner alten Gastmutter. Sie hat mich über Wochen bedrängt und kein Nein akzeptiert – und irgendwie hat es auch in meiner Schule keiner als notwendig erachtet mir dabei zu helfen. Das war übel und für mich ein ziemlicher Vertrauensbruch in alle Richtungen. Ich musste dann irgendwann, was tut man denn auch sonst, wenn jemand ein Nein nicht annimmt? Ich gebe Leuten gerne den Ratschlag, dass man lernen muss auch Nein sagen zu können – aber was, wenn das eigene Wort irrelevant ist? Ich war dort; die Schüler waren gelangweilt, mir war schlecht und am Ende kam es mir letztendlich so vor als hätte ich meine Integrität für ein bisschen Höflichkeit eingetauscht. 

Ich habe mit einer Oligarchenfamilie Abendbrot gegessen und dabei hin und wieder kurze Episoden panischer Lebensangst erlitten, ich habe Siamkater gekuschelt und bei einem deutschen Poesiewettbewerb in der Jury gesessen. Wieder habe ich Reden gehalten und unterrichtet; ich war im Kino und habe gelacht, laut und ehrlich. Ich habe in der Küche auf dem Boden gesessen und Wein getrunken während meine Gastmutter zu I Can’t Dance getanzt hat, wir haben den Pineapple Pen Song gesungen bis zum Nudelkotzen und uns gegenseitig Ohrwürmer von Mr. Postman verpasst. Ich war mit Katja in der Philharmonie und wir hatten Gänsehaut – dann haben wir im Schnee gefroren, weil ihr Vater uns vom falschen Theater abholen wollte. 

Und jetzt: Ну ладно, всё. Nun, das ist alles.

Ist das wirklich alles?

Zwei Monate Menschen und Erfahrungen, komprimiert auf anderthalb Koffer, selbstgemalte Bilder meiner Schüler und Selfies auf Instagram. Zwei Monate Schicksale, denen ich bequem zurück nach Hause entfliehe. Der Mensch, der kam um zu schauen und dann wieder abhaut, ohne etwas vollbracht zu haben. 

Ist das alles?

Ich weiß es nicht. Ich weiß nicht was jetzt kommt.

Ich weiß, wo ich hingehen möchte und dafür bin ich unsagbar dankbar. Ich weiß. wo ich mich zuhause fühle und wo ich bleiben möchte, eine Tatsache die sich in den letzten zwei Monaten nur manifestiert hat. Ich weiß nicht, was ich tun werde, ich habe das Pläneschmieden mittlerweile aufgegeben, das klappt eh nicht. 

Morgen ist mein letzter Tag in der Schule. Drei Klassen habe ich bereits Samstag abgegeben und das war schwieriger, als ich es mir jeweils hätte vorstellen können. Mir graut es davor, mich morgen von den Kindern verabschieden müssen. Ich habe ihnen versprochen im Sommer wiederzukommen. Ich bin stolz darauf, dass ich jemand bin, der seine Versprechen nicht bricht. Katja hat gesagt, sie will mich mit zum Flughafen bringen, morgens um 5, vor der Schule. Ich schreibe und schreibe und bin dabei furchtbar traurig und doch so glücklich gleichzeitig.

Ich weiß nicht, was jetzt kommt. Vielleicht ist das auch gut so. 

So bleibt mir nur zwei Monate mit den Worten Juri Gagarins zu beenden:

Поехали! 

Lasst uns gehen. 

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Willkommen zu Ausgabe 6 von Na Wostoky. Zwei mal werdet ihr (nach diesem) noch an meinem russischen Kopfchaos teilhaben dürfen, dann geht es ab in die Heimat. Ulkig, oder? Gefühlt ist quasi keine Zeit vergangen. Gar keine. Tee, anyone?

Die letzte Woche hat in einer ganz anderen Schule begonnen. Die Lehrerin nahm am Wettbewerb zur besten Lehrerin der Stadt teil – wir haben diese eine Stunde seit Wochen vorbereiten. Das Gymnasium, an dem der Wettbewerb stattfinden sollte, war pompös (um es milde auszudrücken). Unsere Schüler scharen sich im Winter um die Standheizung, die die Lehrerin mitgebracht hat, weil ihnen so kalt ist und hier hängen Fresken und Stuck, jeder Raum hat eine interaktive Tafel und einen Wasserspender. Diese Kinder haben Geld, meine Kinder haben’s nicht. Willkommen zurück im Leben.
Nach dem Wettbewerb fahren die Lehrerin und ich zu ihren Eltern. Die beiden wohnen zusammen mit dem Sohn der Lehrerin am Stadtrand, ganz außen, dort wo fast Dorf ist. Sie haben einen Hund, Lord; er ist alt und rastet trotzdem aus als wir kommen. Die Mutter der Lehrerin hatte Suppe gemacht, dazu Kaninchen-Pelmeni und Aprikosen-Piroshki. Wir trinken viel Tee und reden, sie zeigt mir die Familienbildergalerie. Dort hängt die gesamte, gesammelte Verwandschaft; vom Großonkel zur Schwippstante. Wieder einmal bewundere ich den russischen Familienzusammenhalt und finde es fast ein bisschen schade, dass ich mit der Hälfte meiner Verwandschaft ewig nicht mehr geredet habe. Auf der anderen Seite: In Russland ist der beständige Kontakt auch nicht so wichtig. “Wir sind keine Freunde mehr weil du mich nicht angerufen hast” gilt nicht – wenn jeder mit jedem redet und in Kontakt ist, dann ist es unmöglich ständig an jede Person zu denken. Da wären die Russen ja den ganzen Tag nur am Telefonieren.

Der Vater der Lehrerin sitzt apathisch auf dem Sofa, neben ihm ein riesiger Berg Medikamente. Er atmet schwer und langsam und sein Mund steht offen, während er eine russische Telenovela schaut. Die Mutter entschuldigt sich für ihn, es ginge ihm nicht so gut, sonst sei er gastfreundlicher. Mit Leukämie könnte mich die Gastfreundschaft auch mal gepflegt am Arsch lecken. Die Mutter lächelt, als sie mir ein Glas eingemachter Gurken und eine Packung frische Eier in die Hand drückt. Ich mache mir eine Handynotiz – ich sollte ihnen eine Weihnachtskarte aus Deutschland schicken.

Die Woche ist warm, es sind minus zwei Grad und ich fange an zu schwitzen. “Jetzt bist du Russisch” – meine Gastmutter lacht.

Meine Schüler malen Traumstädte und Buchstabentiere, sie schreiben Geschichten und sind kreativ. Ich lese und schaue und staune und lache viel. Die Kinderwellen tragen mich wieder durch die Woche und das ist gut so. Zwischen all dem – immer der nagende und beruhigende Gedanke an zuhause.

Am Mittwoch stehe ich in der Uni. Im großen Hörsaal herrscht Gemurmel, er ist rappelvoll und ich blicke in einen Augenozean, hin und wieder schlägt eine skeptisch gehobene Augenbraue Wellen. Ich räuspere mich, meine Hände sind schwitzig. Das Gemurmel verstirbt als ich anfange zu erzählen. Ich erzähle über Deutschland, mein Leben, über Politik, Wirtschaft, über Probleme. Ich erzähle lange und viel und als ich am Ende frage “Есть вопросы? Gibt es Fragen?” guckt mich der Augenozean wieder skeptisch an. Wir tragen das skeptische Blickduell gut zehn Sekunden aus – es fühlt sich jedoch an wie anderthalb Ewigkeiten und ein Pizzateig. Irgendwo hinten räuspert sich etwas und eine Studentin steht auf. Sie ist klein und zierlich und blond. “Guten Tag, mein Name ist Jelena. Haben Sie auch Geschwister?”, piepst sie. Ich bin ein bisschen überrascht von der persönlichen Frage, erzähle aber natürlich von meinen Geschwistern. Eine brüchige Stimme aus der anderen Ecke des Hörsaales krächzt: “Ist das Ihr erstes Mal in Russland?”. Die Dämme fangen an zu knarzen und auf einmal stehen überall Menschen mit Fragen in den Händen. Sie fragen alles, ob ich Herz- oder Kopfmensch bin, ob ich lieber Katzen oder Hunde mag, welche Sprachen ich spreche, ob mir Schule besser in Deutschland oder Russland gefällt, was für russische Gerichte ich probiert habe, ob ich kochen kann, was meine Hobbies sind, was man für Musik in Deutschland hört. Ich antworte teils überrumpelt, teils amüsiert, aber ich antworte immer. Ein großer, schlaksiger Dunkelhaariger steht auf. Er stellt sich nicht vor, stattdessen schmettert er eine einzige, kristallklare Frage in den Raum.

“Warum hassen die Europäer uns so?”

Ich atme tief ein, zwei Mal, um mir Zeit zum nachdenken zu verschaffen. Meine erste Reaktion ist, dass ich klarstellen möchte, dass Europa Russland nicht hasst. Das wäre doch absurd, oder?

Oder?

Ich atme noch einmal, zur Sicherheit. Dann beginne ich fröhlich-verzweifelt mich um Kopf und Kragen zu reden. Ich rede von angespannten Verhältnissen mit Optimierungspotenzial, während der Dunkelhaarige mich taxiert. Ich versuche ihm zu erklären, dass unsere Kulturen unterschiedlich sind – wobei ich mich selbst ein bisschen dafür schlagen möchte, wie ich über Kultur rede. Die deutsche Kultur, die russische Kultur; was ist das eigentlich? Sind wir so unterschiedlich? So versuche ich dem Menschen dort oben, dem mit den dunklen Haaren zu verkaufen, dass wir Russland nicht hassen. Ich erkläre, dass wir zwar Sanktionen erlassen und Entwürfe für eine europäische Verteidigungsunion erstellen, aber wir hassen Russland nicht.

Oder?

Ich denke über das deutsche Bild von Russland nach, über Adidas-Hosen und Goldkettchen und Mafiosi und Oligarchen, über Autounfälle und Alkoholiker, über Bären und und und – und darüber, wie viel ich davon in den letzten zwei Monaten gesehen habe. Ich denke darüber nach, wie salopp in Deutschland von “den Russen” gesprochen wird und dass der Ausdruck in den seltensten Fällen positiv konnotiert ist. Ich denke darüber nach, wie die Medien über Russland berichten, was sie berichten, worüber.

Ich versuche dem Dunkelhaarigen zu erklären, dass unsere Sicht der Dinge einfach anders ist. Ich verwende die selben Argumente, die ich auch letzte Woche dem Sohn gegenüber verwendet habe, aber der Dunkelhaarige schaut nur. Irgendwann bin ich fertig und er nickt und setzt sich wieder hin.

Zwei Vorlesungen lang, fast vier Stunden – so lange balanciere ich auf dem Drahtseil zwischen Diplomatie und Ehrlichkeit, zwischen Aufrichtigkeit und Höflichkeit. Ich komme nach Hause und gehe ins Bett. Ich wache erst auf, als meine Gastmutter vorsichtig fragt, ob ich meinen Frisörtermin vergessen habe. Habe ich nicht, ich wusste schlichtweg nicht davon, ist ja auch egal. Frisörtermin dann. Irgendwo dazwischen denke ich an meine Rose daheim und dass ich vergessen habe sie reinzuholen. Sie ist jetzt bestimmt tot, Frost und so, weil ich dreitausend Mal vergessen habe den Freund zu beten die Rose reinzuholen.

An dieser Stelle, bevor ich es wieder vergesse: Himmel, B, wenn du das hier liest – bitte hol die Rose rein. Es ist der weiße Topf rechts auf der Terrasse, hoch, aus so Korbgeflecht – und schau ob du das arme Wesen noch retten kannst. Ich vergesse das sonst nur wieder.

Der Rest der Woche ist ein Kinderspiel, verglichen mit dem Tag an der Uni. Ich mache Lasagne und Nudelsalat, die Familie ist begeistert. Ich lese, ich schreibe, ich spiele mit den Gastgeschwistern. Die Welt ist in Ordnung, denke ich. Manchmal ist die höchste Kunst eben die, einfach mal nicht zu meckern.

Все будет хорошо.

Все будет хорошо.

Es ist Sonntag, ein schöner Sonntag, mit Sonnenschein und Glitzerschnee; mit Tee und Ruhe; mit der Aussicht auf eine entspannte nächste Woche. Es ist Sonntag; Zeit um endlich ein bisschen durchzuatmen. Die zu diesem Haushalt gehörende Babushka hat gestern Soljanka für uns eingepackt, mit frischen Pilzen aus ihrem Garten. Nehmt euch einen Teller, vergesst nicht einen Klecks Smetana in die Mitte zu klacksen, sonst ist die Suppe nicht fertig. Keine russische Suppe funktioniert ohne Smetana. Isso.

Die Woche beginnt für mich mit Ärger. Meine alte Gastmutter ruft an; sie möchte, dass ich auch in ihre Schule komme und mit ihren Deutschschülern rede. Sie lehrt an einer anderen Schule direkt gegenüber meiner. Wir erinnern uns: das ist die Dame, die mir nicht mal selbst sagte, dass ich gehen soll – sie ließ es über die Lehrerin meiner Schule ausrichten. Ich bin ein bisschen sprachlos ob so viel Dreistigkeit. Meine Schule hat nächste Woche drei Tage frei, in der Zeit soll ich doch bitte in ihrer Schule arbeiten. Ich kriege Puls, möchte ihr erzählen, was für eine seelenlose Amselklatscherin sie ist; ich reisse mich aber zusammen. Nein, tut mir leid, ich habe keine Zeit. Nicht jetzt. Nicht heute. Niemals.
Das Wutmonster in meinem Bauch stampft unzufrieden, als ich die Arbeit mit der zweiten Klasse beginne. Sie sind meine jüngsten Schüler – sie haben erst dieses Jahr angefangen Deutsch zu lernen, dementsprechend ist die Kommunikation immer ein bisschen schwierig. Ich bin genervt, die Hälfte der Klasse hat ihre Hefte vergessen, alle schnattern durcheinander. TICHA!, fauche ich – Ruhe jetzt. Die Kinder gucken mich mit großen Augen an; das Wutmonster ist zufrieden.
Laila kommt zu mir. Sie traut sich kaum mir und dem Wutmonster in die Augen zu schauen, als sie mir eine kitschige, pastellfarbige Karte mit Rosendruck in die Hand drückt. Mit besten Wünschen steht dort auf Russisch. Das Wutmonster und ich, wir sind beide irritiert – es jault und verzieht sich, als ich Lailas krakelige Kinderhandschrift in der Karte lese. Gesundheitswünsche sind das, weil ich ja letzte Woche krank war. Ich grinse innerlich breit und äußerlich ein bisschen – Laila strahlt, auch wenn sie sich immer noch nicht traut mir in die Augen zu schauen. Da ist sie wieder: die Wärme, die in der eisigen Winterluft hängt; omnipräsent.

Abends gehe ich ins Bett, immer noch von Wärme erfüllt. Ich schlafe trotzdem nicht: Der Freund sitzt gerade in einer 900 Stundenkilometer schnellen Sardinenbüchse ziemlich weit im Himmel auf dem Weg nach Tokio. Ich habe keine Flugangst, ich habe Münchhausen-Stellvertreter-Flugangst. Wenn meine Lieben irgendwo hinfliegen, dann werde ich panisch. Ich weiß nicht wieso, es ist nicht rational. Ich bleibe wach und lese. Im Hintergrund dudelt die Playlist, die der Freund mir gemacht hat. Sie ist voll von der kitschigen 1995-2005 Musik, die wir beide so lieben, und ich fühle mich ein Stück zuhause.

Donnerstag gehe ich ins Kino, mit dem Sohn einer Lehrerin meiner Schule. Wir haben uns schon häufiger zu verschiedenen Ereignissen gesehen und es ist erfrischend jemanden in meinem Alter zu sehen – im Regelfall sind alle Menschen um mich herum signifikant jünger oder signifikant älter als ich.
Der Sohn ist groß und breit, er spielt Eishockey, und der Kinositz knartscht bedrohlich, als er sich niederlässt. Er lacht viel und laut, er schläft kurz ein, er lacht wieder. Es ist 10 Uhr morgens und ich sitze im Kino neben einem lachenden, schnarchenden, russischen Bär. Es gibt schlimmeres.
Wir gehen nach dem Kino etwas essen und reden. Der Sohn entschuldigt sich für sein Deutsch, aber ich verstehe alles. Wie die Deutschen Russland sehen, möchte er wissen. Ich druckse ein bisschen. Sei nicht schüchtern! Er könne alles ab, grinst er. Ich erzähle davon, dass viele Menschen in Deutschland Russland als fremd empfinden, gar als bedrohlich. Ich erzähle von meiner Mutter, die mich fragte warum gerade Russland. Sie war schon nicht begeistert, als ich im September in die Ukraine aufbrach, Russland fand sie entsprechend noch weniger akzeptabel. Warum nicht Malaga? fragt sie, halb im Scherz, aber die Wahrheit schimmert durch.
Ich erzähle davon, wieviel Angst ich hatte, als ich flog. Ich erkläre, dass vieles einfach kulturell verwurzelt ist, dass ich ein offener Mensch bin, ich studiere Europastudien mit Fokus auf Osteuropa. Ich hatte trotzdem Angst. Der Sohn nickt, er versteht. Er versteht, dass die Menschen in Europa nicht verstehen. Russland ist groß und historisch kompliziert. Er versteht, dass ich Dinge anders sehe als er, aber er sagt auch, dass die Menschen im Westen arrogant sind. Sie glauben, sie kennen die Wahrheit. Er hat Recht. Wir in Deutschland reden über die armen Russen, die sich vom Staatsfernsehen bescheißen lassen und vergessen dabei, dass die europäischen Medien genau so alles aus dem Kontext reißen. Russland ist ein totalitärer Staat, das muss ganz klar verstanden werden, aber wir Europäer verstehen trotzdem nicht alles. Wir sind nicht besser, wir sind anders. Wir vergessen, dass Russland nicht der Kreml ist, sondern Menschen, wie der Sohn, die Lehrerin, die Gastschwester.

Wir reden über die Sanktionen – wie die EU den Kreml bestrafen wollte, und doch die russischen Menschen bestrafte. Der Sohn zuckt mit den Schultern – den Politikern sei es egal, ob ihr Essen jetzt mehr kostet. Das ist ein Problem der kleinen Leute. Die Sanktionen werden zur Krim-Krise. Ich beharre auf meine Position, dass es ein Bruch des Völkerrechts ist. Der Sohn versteht das nicht. Jahrhundertlang habe die Krim zu Russland gehört, dann wurden künstliche Grenzen gezogen, auf Einmal war sie ukrainisch. Dann sowjetisch. Dann ukrainisch.
Wer sich mit der Geschichte Osteuropas beschäftigt kennt das Problem der zerrütteten nationalen Identitäten, das artifizielle, späte Nationbuilding. Osteuropa ist fluide, die Grenzen haben mehr Beine als die Menschen, witzelt der Sohn. Ich verstehe ihn, ich verstehe was er meint. Ich stimme ihm nicht zu, aber ich sehe, dass wir in Europa mal wieder nicht alles verstehen. Der Sohn versteht mich. Er sagt, er sieht das Problem, die Menschenrechtverletzungen, aber er stimmt mir nicht zu. Unser Agree-to-Disagree fühlt sich trotzdem gut an; eine Horizonterweiterung. Wir essen auf und gehen.

Der Schnee funkelt in der Nachmittagssonne als wir den Lenin-Prospekt hinab laufen. Wir reden über Videospiele, die Metro-Reihe, über Schule, Autofahren, Eishockey, und die Welt. Als er mich zuhause abliefert spüre ich meine Beine nicht mehr, die Kälte ist bis auf die Knochen durchgekrochen. Ich mache mir einen Tee, taue auf, und freue mich über den Tag.

Am Freitagabend gehe ich mit meiner Gastmutter ins Theater. Auf dem Heimweg schneit es, die Weihnachtsbeleuchtungen tauchen die Stadt in Schummerlicht. In der Innenstadt vergisst man die Plattenbauten, die Petersburger Bauten überragen uns alle. Es ist ein Bilderbuchmoment und ich versuche mir alles einzuprägen. Schummerlicht für schwierige Zeiten, quasi.

Später sind wir bei der Babushka. Sie hat für uns gekocht, ihr kleiner Hund Bilka springt uns begeistert um die Beine. Das Haus ist warm und wir essen und trinken Tee und selbstgemachten Wein. Ural-Weintrauben, scherzt die Oma. Der Wein habe wegen ihnen so viel Alkohol wie Schnaps. Ich stimme zu und als ich nicke dreht sich alles.

Die Oma hat noch zwei Hunde auf dem Hof – so stehen wir in der -30°C kalten Nacht und gucken Sterne, während die Oma die Hunde holt. Mein Gastbruder und meine Schwester fangen eine Schneeballschlacht an und auf einmal sind wir alle voll Schnee, zwei Hunde springen zwischen uns hin und her. Ein Schäferhund, Assja, und ein riesiger Kaukasischer Schäferhund, Njusha. Njusha sieht aus wie ein kleiner Bär. Sie ist auch so glücklich.

Wieder glitzert der Schnee, der Mond taucht alles in Silber. Schummerlicht aus den Fenstern des Hauses und dazwischen irgendwo mein leise auseinanderbrechendes Herz, weil ich das hier alles bald zurücklassen muss. Das hier alles so zu lieben war nie mein Plan.

 

 

 

 

Guten Nachmittag, Genossen und Genossinnen. Es ist Zeit für mein allwöchentliches Russland-Resumé, aber mein Kopf ist noch verstopf mit Schnodder und Schnee, deshalb wird diese Ausgabe wohl ein relativ kurzes Vergnügen. Nehmt es mir nicht übel, ewig lange Texte liest eh keiner gerne.
Diese Woche hat sich angefühlt wie ein gewichtiges, melancholisches, aber beruhigendes London Grammar Album, deswegen supplementiere ich euch gleich den Soundtrack zu diesem Blogbeitrag; schwer und schön, genau wie der Schnee, der das Leben in Magnitogorsk gerade ein bisschen entschleunigt und abdumpft. Nehmt euch eine Tasse Tee. Tee ist Zucker für die Seele, sagt meine Gastmutter Natasha. Denkt diese Woche mal daran, auf euch aufzupassen und macht, was euch glücklich macht.


Ich hab euch diese Woche nicht so wirklich viel Spannendes zu erzählen – ich habe sie schließlich fast exklusiv im Bett verbracht. Morgen geht es zurück in die Schülerwellen und auch wenn ich mich noch nicht gesund fühle, so freue ich mich doch endlich wieder was zu tun.

Mittlerweile ist dort dieses ständige, nagende Gefühl, dass mir die Zeit zwischen den Fingern zerrinnt wie Sand. Ich bin der Sand in der unteren Hälfte der Sanduhr; von oben rieselt es beharrlich, der Haufen unter mir wird größer und größer. Mein Herz hüpft, wenn ich daran denke, heim zu fliegen. Ich werde Weihnachten und Neujahr mit all meinen Lieblingsmenschen in Schweden verbringen und alle sind schon wie wild am Planen. Fähren sind gebucht, Wein wird eingekauft und die Vorfreude steigt mit jedem Tag. Überhaupt ist Weihnachten meine Lieblingszeit – meine Familie ist chaotisch und ambitioniert und rastlos; aber selbst bei uns ist die Weihnachtszeit ruhig. Mein Dad ist Bauingenieur und hat gerade sein letztes Mammut-Projekt übergeben, es gibt also keine panischen Anrufe, weil irgendwo irgendwie Wasser läuft oder Kupfer geklaut wird; meine Mom hat großzügig Urlaub einberäumt, Oma plant schon das Essen und selbst der Freund kommt am 2. Weihnachtstag. Ich bin glücklich, mein Herz hüpft, aber da ist auch jedes Mal ein fieser, kleiner Stich. Er erinnert mich daran, dass ich hier auch einen Haufen zurücklasse – die Kinderwellen, die Freundschaften und “meine russische Familie”, wie meine Gastmutter immer sagt. Der Gedanke daran lässt meinen Magen verkrampfen, habe ich doch hier das Gefühl eben nicht zu Gast zu sein, sondern dazuzugehören. Es ist komisch, wie eine so kurze Zeit reicht um ein solches Gefüge zu instituieren, aber es reicht.

Diese Woche habe ich so ziemlich die gesamte Familie (entfernt und nah) sowie den gesamten Freundeskreis meiner Gastfamilie kennen gelernt. Sie haben gehört, dass ich krank bin, und da hier jede Erkältung konsequent wie eine Nahtoderfahrung behandelt wird, wurde ich versorgt. Aber volle Lotte, mit Anlauf. Menschen brachten Tee, Beeren, Gemüse, Medikamente, esoterischen Krams, Räucherstäbchen, und unterlassene Hilfeleistung in kleinen Ampullen (Homöopathie ist hier voll im Trend). Ich war dankbar für alles, einfach weil jemand an mich dachte. Ich habe gesiecht und russisch gelernt und schlechte Drama-Serien geschaut.

Gestern hatte ich dann das Vergnügen, im Lokalfernsehen bei einer Kochshow auftreten zu dürfen. Ist natürlich super für mich, deren erklärte Lebensziele “möglichst weit weg von jedweder Zivilisation leben” und “mit Menschen sprechen ohne hektische Schweißausbrüche zu kriegen” beinhalten. Es war eng und heiß und die Lichter der Kameras haben mir Löcher in den Nacken gebrannt, aber am Ende des Tages habe ich es überlebt (und sogar gewonnen). Trotzdem würde ich das Tam-Tam ungern wiederholen.

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Bonus-Cat Content, weil keine Fotos diese Woche.

Jetzt ist er hier, der Sonntag. Mein Gastbruder spielt auf seinem Nintendo DS, meine Gastmutter guckt Heroes, der Gastvater muss arbeiten und die Gastschwester ist bei einer Freundin. Frossja liegt auf meinen Füßen und schnurrt; seit der offiziellen Familienintegration liebt mich das Biest. Es ist ruhig und still und schön. Morgen kommt ein Kamerateam eines anderen Lokalsenders in die Schule und will mich beim Unterricht filmen – ich bin unbegeistert. Unbegeisterterweise werde ich mich jetzt auf den Unterricht vorbereiten. Ich möchte nicht.

Dreißig Tage noch. Drei mal zehn Tage.

Trinkt euren Tee, Kinder. Ruft eure Muttis an, streichelt eure Katzen, umarmt eure Lieblingsmenschen. Heute ist ein guter Tag dafür.

Wilkommen zurück in Russland! Woche Nummer Drei ist vorbeigekommen, sie lädt euch auf eine Tasse Tee ein. Vielleicht auch Wildbeerensud, wenn ihr keinen Tee mögt. Sie hat auch einen großen Kürbis dabei, für Suppe. Ich hoffe, ihr seid gut durch den Schnee gekommen – am Sonntag wird hier nicht geräumt. Setzt euch, aber lasst die Schuhe draußen. Sonst ist die ganze Wohnung wieder nass.

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Geistergallerie

Die Woche startet mit Halloween – hier eher nicht zelebriert, aber gerade bei den Kindern doch omnipräsent. Wir malen Geister und hören dabei Hui Buh Hörbücher und üben dann ein Theaterstück mit einem Geist. Eine der vielen Maschas verheddert sich im Gespenster-Bettlaken und kippt um. Das tumbe Aufschlaggeräusch ist laut genug, dass die Klavierlehrerin im Raum unter uns sich verspielt. Mascha lacht gehässig, als sie sich aus dem Laken befreit, sie mag die Klavierlehrerin nicht.

Dienstag verschlafe ich komplett. Ich bin müde und genervt von dem Schnee in meinen Schuhen. Dienstage sind Montage für Anfänger.

Mittwoch setzt die Panik langsam ein. Am Freitag soll ich umziehen, ans andere Ende der Stadt, nach Sovjetskaja. Weit weg von der Schule, den Schülern und allem was ich langsam als eine Art zuhause identifiziert habe. Ich mag nicht. Ich freue mich auf ein vernünftiges Bett, mit Matratze und so, aber ich mag nicht. In meinem neuen Haus gibt es keine Katzen.

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Der Streunerfreund. Die Hausbewohner stellen ihm zumindest Futter hin.
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Der Opa.

Apropos, ich habe einen Streunerfreund gefunden. Er ist alt und sein Fell ist ölig. Er wohnt in unserem Hausflur und hat große, freundliche Augen. Ich nenne ihn den Opa, wegen seinem grauen Fell. Er brrrrt-et mich jeden Morgen an, wenn ich zu spät an ihm vorbei eile und wartet auf mich, wenn ich heim komme. Dann setze ich mich auf die Treppenstufen und er kugelt sich in meinem Schoß ein. Er schnurrt und die Welt ist in Ordnung. Mein Herz bricht trotzdem jedes Mal, wenn ich ihm die Tür vor der Nase zuschlagen muss. Ich denke an meinen dicken, orangen Kater daheim und möchte den Opa am liebsten mit einpacken. Ich verfluche mich dafür, keinen festen Job und keine Kohle zu haben und verdränge den Gedanken daran, den Opa hier lassen zu müssen. Der Opa schnurrt mich an.

Am Mittwoch-Abend steht meine Gastfamilie in der Küche. Sie holen den Champagner raus und Tischfeuerwerke und ganz viel Essen. Ich frage nach dem Anlass und meine Gastmutter grinst. Im Chor fragen sie mich, ob sie meine russische Familie werden dürfen. Ich glotze sie nur dumm an – bis ich dann verstehe. Dann heule ich schon wieder. Ich glaube, ich habe in den letzten zehn Jahren Deutschland insgesamt nicht so viel geheult wie in den letzten drei Wochen Russland. Ich werde bei ihnen bleiben, wir köpfen den Champagner und wir essen. Nach dem Essen grinst mein kleiner Gastbruder mich an. Es folgt der feierliche Aufnahmeritus in die Familie: Ich werde ins Abwasch-Schere-Stein-Papier eingegliedert. Ich verliere prompt und muss abwaschen; die Familie bleibt in der Küche und feuert mich an.

Der Donnerstag ist frei und ich hole den Schlaf nach, den ich in der Woche verloren habe. Es ist fantastisch. Ich liebe schlafen. Ich liebe mein Drahtgestellmetallbett ohne Matratze. Bсе будет хорошо – Alles wird gut. Nach diesen Tagen glaube ich fest daran.

Freitag ist ein Feiertag in Russland. Keiner kann mir so genau erklären warum und es ist allen Beteiligten sichtbar peinlich, aber das ist in Deutschland auch nicht anders. Wir sind froh über den freien Tag und schlendern durch die Stadt.
In der Innenstadt vergisst man die Plattenbauten fast. Dort stehen Monumente und wunderschöne Petersburger Bauten. Wir kämpfen uns bei Minus Elf Grad durch den Schnee und fallen bei Subway ein – der Gastvater grummelt, er versteht nicht wieso. Ein Butterbrot kann man auch zuhause belegen, immer dieses amerikanische Fastfood Zeug. Die Mutter boxt ihm in die Seite und er versucht nicht zu grinsen. Es gelingt ihm nicht, mal wieder.

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Lenin is my bae.

Es kam wie es kommen musste – die Kälte hat mich erledigt. Seit Samstag Mittag liege ich nur noch rammdösig im Bett rum und hoffe, dass die Erkältung bald vorbei geht. Gefühlt die halbe Verwandtschaft war hier, sie haben Obst und Gemüse von ihren Datschen für mich gebracht, damit es mir besser geht. Jede Stunde kriege ich einen anderen Sud vorgesetzt oder mir werden Senfkörner in den BH gestopft. Ich kann damit leben, es gibt Piroshki.

Bсе будет хорошо – diesen Satz habe ich letzte Woche tausendfach gehört. Von meinen schwappenden Schülerwellen zu Lehrern zu Eltern. Ich hätte ihnen glauben sollen.
Bсе будет хорошо.
Immer. 


Falls ihr es verpasst habt findet ihr übrigens hier meine Erlebnisse aus Woche Eins und Woche Zwei.