Ich bin jetzt schon eine ganze Weile auf Twitter unterwegs. Ich liebe Twitter, aus verschiedenen Gründen und ich hasse es aus so viel mehr Gründen. Ich hab wirklich lange Zeit gegrübelt, ob ich es mir als Buchbloggerin (zugegebenerweise zuletzt meist Reisebloggerin) erlauben kann, mich mit einem solchen Beitrag derartig in die Nesseln zu setzen und vielleicht auch dem einen oder anderen auf den Schlips zu treten – aber hey, wir leben alle nur einmal und so.

Trotzdem: Twitter und ich haben ein Problem. Nicht häufig, aber manchmal. Hin und wieder bricht die Hölle los und dann ist eben Holland in Not.

Twitter hat mir viele fantastische Menschen beschert – da ist die großartige deutsche Leser-, Blogger- und Autorencommunity; aber auch die amerikanische. Ich habe gelesen und geschrieben und diskutiert und geplant und nicht umgesetzt und doch umgesetzt. Wie das Leben eben so ist.

Neben den vielen fantastischen Menschen hat mir Twitter bis dato aber auch eine gehörige Portion Drama serviert. Vieles davon ist mittlerweile schon eine Weile her, trotzdem denke ich recht häufig darüber nach, was ich zu diesem Drama beigetragen habe – auch wenn ich eigentlich von Anfang an mit einer “Do no wrong”-Prämisse an das ganze Unterfangen Twitter heran gegangen bin. Menschen, die mir wirklich wichtig geworden sind, sind leider abgebogen und haben andere Wege gewählt; ich wünschte nur, das wäre alles mit weniger Schlammschlacht von Statten gegangen.
Twitter ist ein Mikrokosmos unseres Soziallebens – alles passiert schneller, härter, intensiver; und so sehr ich meinen Kopf davon frei kriegen wollte, so gab es eben Tage, in denen ich mich mit Magenschmerzen eingeloggt habe, weil ich Angst vor dem hatte, was dort auf Twitter war.

Das Drama im Twitterkosmos wird sicherlich von seinem natürlichen Habitat begünstigt: Asynchroner, unpersönlicher Kommunikation, aus der sich Intonation und insbesondere Sarkasmus häufig nicht erkennen lassen. Missverständnisse stehen an der Tagesordnung und eigentlich sollten wir, die so treffend als Digital Natives bezeichnet werden, das wissen und uns auch entsprechend verhalten. Trotzdem gibt es Streit, nicht nur Zank, der manchmal schlichtweg die Grenzen des guten Geschmacks verlässt.
Genau das ist der Konflikt, den Twitter und ich hegen. Die Grenzen von dem was angebracht ist und was nicht – zum Großteil sicherlich weil ich mir eben selbst nicht besonders sicher bin.

Bei all den Fehden, die ich so erlebt habe hat sich ein Satz bei mir besonders eingebrannt. Ein Satz, über den ich jetzt lange nachgedacht habe und subsequent auch darüber, was digitale Beziehungen für mich bedeuten und wie ich mich den Menschen, die ich im Laufe meines digitalen Lebens so treffe, verhalte.

“Nie was faven oder retweeten, aber jetzt das Maul aufreissen.”

Wumms.

Ist ne Ansage, kann man nicht debattieren.
Was man allerdings debattieren kann: Schulde ich irgendwem irgendwas, damit ich meine Meinung sagen darf? Ist dieser Satz eben angebracht?

Nicht ansatzweise.

Lasst mich erklären. Ich folge auf Twitter zum aktuellen Zeitpunkt 1288 Accounts. Tausendzweihundertachtundachtzig Accounts denen ich folge, weil ich das, was sie posten, eben gut finde. Weil ich es gerne lese. Weil ich gerne meinen Morgenkaffee trinke und darüber kichere, was geschrieben wird, mich aufrege, wenn irgendwem unrecht geschieht, weil ich mitleide, wenn jemand leidet.
Das sind Menschen, über tausend um genau zu sein, und jeden Einzelnen davon schätze ich. Ich teile nicht mit jedem die politische Meinung oder das Alter oder die Leidenschaft, aber trotzdem gibt es etwas, was ich an jedem dieser Menschen bewundere, schätze oder mag – sonst würde ich ihnen schließlich nicht folgen. Blöderweise habe ich diesen Satz – wenn auch zumeist in deutlich netteren Abwandlungen – häufiger gehört als ich selbst glauben mag.

Ich gebe mir Mühe bestimmte Accounts zu fördern, wenn ich sie eben als unterstützenswert wahrnehme. Insbesondere Autoren und Blogger, welche sonst eher im Schatten schreiben, verdienen meiner Meinung nach Aufmerksamkeit.
Trotzdem: Ich habe keine Twitterliste, wo ich mir jeden Tag notiere wen ich denn heute schon so gefavt hab, wer mal wieder ein Retweet verdient oder wer diese Woche noch im Dunklen geblieben ist. Wenn ein Account zum richtigen Zeitpunkt da ist und die Rahmenbedingungen stimmen, dann gebe ich mein Bestes um ein kleines Bisschen zu helfen.
Twitter ist weder mein Beruf noch mein Leben. Ich studiere, arbeite, liebe, lebe, koche, trinke Tee, lese, heule, zocke, ärgere mich – und nebenbei, wenn ich die Zeit habe, dann verbringe ich Zeit mit den Twittermenschen, den ganz fantastischen Twittermenschen, die mir eben auch fehlen, wenn ich zu lange weg bin.

Trotzdem weigere ich mich mir Schuldgefühle einreden zu lassen, weil ich nicht genug fave oder retweete oder lobhudele. Die meisten eurer Tweets strömen von mir ungesehen denn Datenfluss hinunter und versinken dann langsam aber beharrlich im binären Ozean aus Einsen und Nullen. Selbst wenn ich wollte, dann könnte ich gar nicht alles lesen – und dass ich das alles betonen muss ist schon Wahnsinn genug.

Ich bin kein Service-Dienstleister, der euch Bestätigung geben muss. Ich folge euch, weil ich euch und eure kleinen und großen Abenteuer spannend finde, nicht weil ihr mir zurückfolgt oder mich bebauchpinselt. Ich hoffe ehrlich und aus tiefstem Herzen, dass es euch da nicht anders geht – natürlich netzwerken wir alle irgendwie zweckgebunden, aber im Vordergrund steht – für mich – nach wie vor der Mensch.

Ich liebe Twitter, aber manchmal ist es eben toxisch. Manchmal saugt es einen fort von dem was wichtig ist und man verliert den Blick fürs Wesentliche. Genau deswegen brauche ich Twitterpausen, hin und wieder, um mich auf das zu konzentrieren, was prioritär sein sollte: Familie, Beruf, Studium.
Pausen sind notwendig – für mich und euch gleichermaßen. Wir schulden uns nichts. Ihr mir nicht, ich euch nicht. Ich bin dankbar für Support, den ich von euch kriege, aber ich maße mir nicht an, eben jenen von euch einzufordern.

Was ich für mich aus dem ganzen Debakel mitnehme? Hinter jedem Bildschirm sitzt ein Mensch mit eigenen Aspirationen und Vorstellungen und ich glaube, das wir alle mal ein bisschen tief durchatmen und uns daran erinnern müssen.


Übrigens, ich habe auch einen Facebookaccount. Mit genau 57 Freunden, meinem Kater als Profilbild und der Möglichkeit, mich jederzeit auf einer persönlicheren Ebene als zwischen knapp 1000 anderen Menschen zu kontaktieren. Nur so als Randbemerkung.

4 thoughts on “

  1. Ach, liebe Lux, mach dir nicht so viele Sorgen. Wie du schon gesagt hast: Twitter ist schnell, hart und manchmal ungerecht. Am ungerechtesten ist es dort, wo diejenigen, die am härtesten austeilen, am wenigsten aushalten. Da ist es leicht, sich zu verstricken. Manchmal hilft aber auch gezieltes Weghören. Gerade, wenn es um solche Vorwürfe geht, wie den von dir beschriebenen. Natürlich musst du gar nichts.
    Wenn du eine Pause brauchst, nimm sie dir. Ich werde noch da sein, wenn du zurückkommst und freue mich, dich dann wieder zu begrüßen. Bis dahin folge ich dir auf deinem Blog. Auf Facebook bin ich zwar auch, aber nur als Seite (bzw. mit rl Namen) und nicht sehr aktiv. Blogs zu lesen macht definitiv mehr Spaß.

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  2. Hallo Lux,

    vielen Dank für diesen schönen Artikel! So schön wie Twitter ist, hat es leider auch die von dir beschriebenen negativen Folgen.
    Was ich dir aber auch sagen möchte: Ich finde, du hast diesen Text wirklich sehr schön geschrieben. Normalerweise bevorzuge ich online kürzere Texte, aber deiner war so geschrieben, dass ich ihn gern, aufmerksam und bis zum Ende gelesen habe 🙂

    Liebe Grüße!
    Peter von 100woerter.de

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  3. Das Problem bei dem Beispiel sehe ich darin: Man hat nie viel Kontakt gepflegt, und dann macht man vielleicht eine negative Bemerkung o.ä. – kann es das sein?
    Wenn man jemanden persönlich kennt oder sich häufig austauscht, ist eine ‘Ansage’ etwas leichter …
    Nur mal so dahin philosophiert.

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