Es ist mal wieder Sonntag, ein komischer Sonntag, das ist er heute. Ein Adventssonntag in Deutschland – in Russland nicht. Weihachten wird hier erst im Januar gefeiert und meine Gastfamilie rollt schon seit zwei Wochen die Augen, seitdem ich pünktlich zu Dezemberbeginn in den Weihnachtsmodus digitiert bin. 

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Katja & Ich. Es war saukalt.

Meine Gastschwester Katja liegt auf dem Sofa; sie ist erschöpft von der Woche und spielt Sims. Mein Gastbruder Denis poltert der Katze Frossja durch die Wohnung hinterher und meine Gasteltern Dima und Natasha sind einkaufen. Es ist leise, zu leise, trotz der bunten Grundgeräuschkulisse aus Nachbarn, Sims-Musik, Katze und Denis. Heute ist ein glücklichtrauriger Tag, so glücklichtraurig wie der Hausmeister, wenn er von seiner Frau spricht. 

Der Winter ist zurückgekommen, polternd und hart hat er Russland im Griff. Deswegen auch keine Ausgabe letzte Woche – unser Internet geht erst wieder seit Freitag und da war es dann irgendwie schon zu spät. Die letzten zwei Wochen passen sowieso sehr gut zusammen, da werden sie einfach in eine Ausgabe gequetscht.

Der Winter kam und er hat sich alles genommen, Heizung, Strom, Internet. Die verschiedenen Infrastrukturen flackern wie fragwürdig-bunte Lichterketten an den Häusern. Duschen ist jeden Abend ein Erlebnis, ein Roulette aus kaltem Wasser und völliger Dunkelheit und dem gehässigen Gelache aller anderen, wenn man wieder jemand schreiend in der Finsternis unter der Dusche feststeckt. 

Ich habe mich davor gedrückt, das alles aufzuschreiben, weil ich selber nicht so genau weiß, was ich sagen möchte. Zwei Monate, acht Wochen, 60 Tage – das ist nicht die Welt. Das ist kein Jahr, keine fünf Jahre, keine zehn Jahre, aber es hat genügt, um mich mehr zu verändern und dimensionieren als die letzten zwei Jahre in Deutschland. Ich fühle mich kleiner, stiller, größer und lauter; alles gleichzeitig, und das ist verwirrend. Ich möchte davon erzählen, wie dankbar ich bin, dass hier alles erleben zu dürfen; von den weißen Landschaften, komischen Bräuchen, ewigen Seen und lebensgefährlichen Straßen. Von dem Lachen, von dem Lärm, der Wärme – vom wärmsten Winter, den ich je erleben durfte. Ich möchte von Katja erzählen, die mit 16 weiser ist als ich es mit 60 jemals sein werde; von Natasha, welche mein personifiziertes всё вудет хорошо ist; von Dima, der jeden Tag hart arbeitet und dabei so weich bleibt; von Denis, den ich um seine Neugierde und seine Energie beneide. 

Doch da ist mehr. Da ist ein grauer Schleier der in der Luft hängt und mich fragt, was ich jetzt tun werde. Zuhause geht es ins vorerst letzte Studienjahr und ich habe das Gefühl, dass ich noch lange nicht soweit bin. Da wartet der Freund, mein Urvertrauen, von dem ich weiß, das alles gut sein wird, aber was wenn nicht? Da sind all die Probleme, denen ich so bequem entflohen bin, auf die andere Seite der Welt. 

Was kommt jetzt? 

Was kommt nach zwei Monaten hundert Prozent? 

Die letzten zwei Wochen waren intensiver als alle sechs vorherigen zusammen. Ich habe Interviews gegeben und war an anderen Schulen, ich habe von Deutschland erzählt und Weihnachten in Deutschland und habe in leuchtende Schüleraugen geguckt. Ich war an der Universität und habe dort erzählt, vor mehr Leuten als ich jemals wieder möchte. Ich habe Menschen kennen gelernt und sie gemocht, ich habe sie auf einen, zwei oder drei Kaffees getroffen und sie haben erzählt. Ich war auf einem indischen Markt und habe danach drei Tage nach Räucherstäbchen gerochen, sehr zum Missfallen meiner Schüler, ich habe gelernt wie man stickt, weil Katja es mir mit Engelsgeduld beigebracht hat. Ich habe gelernt, dass man in Russland bei KFC Käsesoße zu den Pommes bekommt und war angemessenerweise verwundert.

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“Guten Tag!” soll ich den Menschen in Deutschland sagen. Das sei hiermit getan.

Ich war auch in der Schule meiner alten Gastmutter. Sie hat mich über Wochen bedrängt und kein Nein akzeptiert – und irgendwie hat es auch in meiner Schule keiner als notwendig erachtet mir dabei zu helfen. Das war übel und für mich ein ziemlicher Vertrauensbruch in alle Richtungen. Ich musste dann irgendwann, was tut man denn auch sonst, wenn jemand ein Nein nicht annimmt? Ich gebe Leuten gerne den Ratschlag, dass man lernen muss auch Nein sagen zu können – aber was, wenn das eigene Wort irrelevant ist? Ich war dort; die Schüler waren gelangweilt, mir war schlecht und am Ende kam es mir letztendlich so vor als hätte ich meine Integrität für ein bisschen Höflichkeit eingetauscht. 

Ich habe mit einer Oligarchenfamilie Abendbrot gegessen und dabei hin und wieder kurze Episoden panischer Lebensangst erlitten, ich habe Siamkater gekuschelt und bei einem deutschen Poesiewettbewerb in der Jury gesessen. Wieder habe ich Reden gehalten und unterrichtet; ich war im Kino und habe gelacht, laut und ehrlich. Ich habe in der Küche auf dem Boden gesessen und Wein getrunken während meine Gastmutter zu I Can’t Dance getanzt hat, wir haben den Pineapple Pen Song gesungen bis zum Nudelkotzen und uns gegenseitig Ohrwürmer von Mr. Postman verpasst. Ich war mit Katja in der Philharmonie und wir hatten Gänsehaut – dann haben wir im Schnee gefroren, weil ihr Vater uns vom falschen Theater abholen wollte. 

Und jetzt: Ну ладно, всё. Nun, das ist alles.

Ist das wirklich alles?

Zwei Monate Menschen und Erfahrungen, komprimiert auf anderthalb Koffer, selbstgemalte Bilder meiner Schüler und Selfies auf Instagram. Zwei Monate Schicksale, denen ich bequem zurück nach Hause entfliehe. Der Mensch, der kam um zu schauen und dann wieder abhaut, ohne etwas vollbracht zu haben. 

Ist das alles?

Ich weiß es nicht. Ich weiß nicht was jetzt kommt.

Ich weiß, wo ich hingehen möchte und dafür bin ich unsagbar dankbar. Ich weiß. wo ich mich zuhause fühle und wo ich bleiben möchte, eine Tatsache die sich in den letzten zwei Monaten nur manifestiert hat. Ich weiß nicht, was ich tun werde, ich habe das Pläneschmieden mittlerweile aufgegeben, das klappt eh nicht. 

Morgen ist mein letzter Tag in der Schule. Drei Klassen habe ich bereits Samstag abgegeben und das war schwieriger, als ich es mir jeweils hätte vorstellen können. Mir graut es davor, mich morgen von den Kindern verabschieden müssen. Ich habe ihnen versprochen im Sommer wiederzukommen. Ich bin stolz darauf, dass ich jemand bin, der seine Versprechen nicht bricht. Katja hat gesagt, sie will mich mit zum Flughafen bringen, morgens um 5, vor der Schule. Ich schreibe und schreibe und bin dabei furchtbar traurig und doch so glücklich gleichzeitig.

Ich weiß nicht, was jetzt kommt. Vielleicht ist das auch gut so. 

So bleibt mir nur zwei Monate mit den Worten Juri Gagarins zu beenden:

Поехали! 

Lasst uns gehen. 

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