Willkommen zu Ausgabe 6 von Na Wostoky. Zwei mal werdet ihr (nach diesem) noch an meinem russischen Kopfchaos teilhaben dürfen, dann geht es ab in die Heimat. Ulkig, oder? Gefühlt ist quasi keine Zeit vergangen. Gar keine. Tee, anyone?

Die letzte Woche hat in einer ganz anderen Schule begonnen. Die Lehrerin nahm am Wettbewerb zur besten Lehrerin der Stadt teil – wir haben diese eine Stunde seit Wochen vorbereiten. Das Gymnasium, an dem der Wettbewerb stattfinden sollte, war pompös (um es milde auszudrücken). Unsere Schüler scharen sich im Winter um die Standheizung, die die Lehrerin mitgebracht hat, weil ihnen so kalt ist und hier hängen Fresken und Stuck, jeder Raum hat eine interaktive Tafel und einen Wasserspender. Diese Kinder haben Geld, meine Kinder haben’s nicht. Willkommen zurück im Leben.
Nach dem Wettbewerb fahren die Lehrerin und ich zu ihren Eltern. Die beiden wohnen zusammen mit dem Sohn der Lehrerin am Stadtrand, ganz außen, dort wo fast Dorf ist. Sie haben einen Hund, Lord; er ist alt und rastet trotzdem aus als wir kommen. Die Mutter der Lehrerin hatte Suppe gemacht, dazu Kaninchen-Pelmeni und Aprikosen-Piroshki. Wir trinken viel Tee und reden, sie zeigt mir die Familienbildergalerie. Dort hängt die gesamte, gesammelte Verwandschaft; vom Großonkel zur Schwippstante. Wieder einmal bewundere ich den russischen Familienzusammenhalt und finde es fast ein bisschen schade, dass ich mit der Hälfte meiner Verwandschaft ewig nicht mehr geredet habe. Auf der anderen Seite: In Russland ist der beständige Kontakt auch nicht so wichtig. “Wir sind keine Freunde mehr weil du mich nicht angerufen hast” gilt nicht – wenn jeder mit jedem redet und in Kontakt ist, dann ist es unmöglich ständig an jede Person zu denken. Da wären die Russen ja den ganzen Tag nur am Telefonieren.

Der Vater der Lehrerin sitzt apathisch auf dem Sofa, neben ihm ein riesiger Berg Medikamente. Er atmet schwer und langsam und sein Mund steht offen, während er eine russische Telenovela schaut. Die Mutter entschuldigt sich für ihn, es ginge ihm nicht so gut, sonst sei er gastfreundlicher. Mit Leukämie könnte mich die Gastfreundschaft auch mal gepflegt am Arsch lecken. Die Mutter lächelt, als sie mir ein Glas eingemachter Gurken und eine Packung frische Eier in die Hand drückt. Ich mache mir eine Handynotiz – ich sollte ihnen eine Weihnachtskarte aus Deutschland schicken.

Die Woche ist warm, es sind minus zwei Grad und ich fange an zu schwitzen. “Jetzt bist du Russisch” – meine Gastmutter lacht.

Meine Schüler malen Traumstädte und Buchstabentiere, sie schreiben Geschichten und sind kreativ. Ich lese und schaue und staune und lache viel. Die Kinderwellen tragen mich wieder durch die Woche und das ist gut so. Zwischen all dem – immer der nagende und beruhigende Gedanke an zuhause.

Am Mittwoch stehe ich in der Uni. Im großen Hörsaal herrscht Gemurmel, er ist rappelvoll und ich blicke in einen Augenozean, hin und wieder schlägt eine skeptisch gehobene Augenbraue Wellen. Ich räuspere mich, meine Hände sind schwitzig. Das Gemurmel verstirbt als ich anfange zu erzählen. Ich erzähle über Deutschland, mein Leben, über Politik, Wirtschaft, über Probleme. Ich erzähle lange und viel und als ich am Ende frage “Есть вопросы? Gibt es Fragen?” guckt mich der Augenozean wieder skeptisch an. Wir tragen das skeptische Blickduell gut zehn Sekunden aus – es fühlt sich jedoch an wie anderthalb Ewigkeiten und ein Pizzateig. Irgendwo hinten räuspert sich etwas und eine Studentin steht auf. Sie ist klein und zierlich und blond. “Guten Tag, mein Name ist Jelena. Haben Sie auch Geschwister?”, piepst sie. Ich bin ein bisschen überrascht von der persönlichen Frage, erzähle aber natürlich von meinen Geschwistern. Eine brüchige Stimme aus der anderen Ecke des Hörsaales krächzt: “Ist das Ihr erstes Mal in Russland?”. Die Dämme fangen an zu knarzen und auf einmal stehen überall Menschen mit Fragen in den Händen. Sie fragen alles, ob ich Herz- oder Kopfmensch bin, ob ich lieber Katzen oder Hunde mag, welche Sprachen ich spreche, ob mir Schule besser in Deutschland oder Russland gefällt, was für russische Gerichte ich probiert habe, ob ich kochen kann, was meine Hobbies sind, was man für Musik in Deutschland hört. Ich antworte teils überrumpelt, teils amüsiert, aber ich antworte immer. Ein großer, schlaksiger Dunkelhaariger steht auf. Er stellt sich nicht vor, stattdessen schmettert er eine einzige, kristallklare Frage in den Raum.

“Warum hassen die Europäer uns so?”

Ich atme tief ein, zwei Mal, um mir Zeit zum nachdenken zu verschaffen. Meine erste Reaktion ist, dass ich klarstellen möchte, dass Europa Russland nicht hasst. Das wäre doch absurd, oder?

Oder?

Ich atme noch einmal, zur Sicherheit. Dann beginne ich fröhlich-verzweifelt mich um Kopf und Kragen zu reden. Ich rede von angespannten Verhältnissen mit Optimierungspotenzial, während der Dunkelhaarige mich taxiert. Ich versuche ihm zu erklären, dass unsere Kulturen unterschiedlich sind – wobei ich mich selbst ein bisschen dafür schlagen möchte, wie ich über Kultur rede. Die deutsche Kultur, die russische Kultur; was ist das eigentlich? Sind wir so unterschiedlich? So versuche ich dem Menschen dort oben, dem mit den dunklen Haaren zu verkaufen, dass wir Russland nicht hassen. Ich erkläre, dass wir zwar Sanktionen erlassen und Entwürfe für eine europäische Verteidigungsunion erstellen, aber wir hassen Russland nicht.

Oder?

Ich denke über das deutsche Bild von Russland nach, über Adidas-Hosen und Goldkettchen und Mafiosi und Oligarchen, über Autounfälle und Alkoholiker, über Bären und und und – und darüber, wie viel ich davon in den letzten zwei Monaten gesehen habe. Ich denke darüber nach, wie salopp in Deutschland von “den Russen” gesprochen wird und dass der Ausdruck in den seltensten Fällen positiv konnotiert ist. Ich denke darüber nach, wie die Medien über Russland berichten, was sie berichten, worüber.

Ich versuche dem Dunkelhaarigen zu erklären, dass unsere Sicht der Dinge einfach anders ist. Ich verwende die selben Argumente, die ich auch letzte Woche dem Sohn gegenüber verwendet habe, aber der Dunkelhaarige schaut nur. Irgendwann bin ich fertig und er nickt und setzt sich wieder hin.

Zwei Vorlesungen lang, fast vier Stunden – so lange balanciere ich auf dem Drahtseil zwischen Diplomatie und Ehrlichkeit, zwischen Aufrichtigkeit und Höflichkeit. Ich komme nach Hause und gehe ins Bett. Ich wache erst auf, als meine Gastmutter vorsichtig fragt, ob ich meinen Frisörtermin vergessen habe. Habe ich nicht, ich wusste schlichtweg nicht davon, ist ja auch egal. Frisörtermin dann. Irgendwo dazwischen denke ich an meine Rose daheim und dass ich vergessen habe sie reinzuholen. Sie ist jetzt bestimmt tot, Frost und so, weil ich dreitausend Mal vergessen habe den Freund zu beten die Rose reinzuholen.

An dieser Stelle, bevor ich es wieder vergesse: Himmel, B, wenn du das hier liest – bitte hol die Rose rein. Es ist der weiße Topf rechts auf der Terrasse, hoch, aus so Korbgeflecht – und schau ob du das arme Wesen noch retten kannst. Ich vergesse das sonst nur wieder.

Der Rest der Woche ist ein Kinderspiel, verglichen mit dem Tag an der Uni. Ich mache Lasagne und Nudelsalat, die Familie ist begeistert. Ich lese, ich schreibe, ich spiele mit den Gastgeschwistern. Die Welt ist in Ordnung, denke ich. Manchmal ist die höchste Kunst eben die, einfach mal nicht zu meckern.

Все будет хорошо.

Все будет хорошо.

Leave a Reply

Fill in your details below or click an icon to log in:

WordPress.com Logo

You are commenting using your WordPress.com account. Log Out / Change )

Twitter picture

You are commenting using your Twitter account. Log Out / Change )

Facebook photo

You are commenting using your Facebook account. Log Out / Change )

Google+ photo

You are commenting using your Google+ account. Log Out / Change )

Connecting to %s