Es ist Sonntag, ein schöner Sonntag, mit Sonnenschein und Glitzerschnee; mit Tee und Ruhe; mit der Aussicht auf eine entspannte nächste Woche. Es ist Sonntag; Zeit um endlich ein bisschen durchzuatmen. Die zu diesem Haushalt gehörende Babushka hat gestern Soljanka für uns eingepackt, mit frischen Pilzen aus ihrem Garten. Nehmt euch einen Teller, vergesst nicht einen Klecks Smetana in die Mitte zu klacksen, sonst ist die Suppe nicht fertig. Keine russische Suppe funktioniert ohne Smetana. Isso.

Die Woche beginnt für mich mit Ärger. Meine alte Gastmutter ruft an; sie möchte, dass ich auch in ihre Schule komme und mit ihren Deutschschülern rede. Sie lehrt an einer anderen Schule direkt gegenüber meiner. Wir erinnern uns: das ist die Dame, die mir nicht mal selbst sagte, dass ich gehen soll – sie ließ es über die Lehrerin meiner Schule ausrichten. Ich bin ein bisschen sprachlos ob so viel Dreistigkeit. Meine Schule hat nächste Woche drei Tage frei, in der Zeit soll ich doch bitte in ihrer Schule arbeiten. Ich kriege Puls, möchte ihr erzählen, was für eine seelenlose Amselklatscherin sie ist; ich reisse mich aber zusammen. Nein, tut mir leid, ich habe keine Zeit. Nicht jetzt. Nicht heute. Niemals.
Das Wutmonster in meinem Bauch stampft unzufrieden, als ich die Arbeit mit der zweiten Klasse beginne. Sie sind meine jüngsten Schüler – sie haben erst dieses Jahr angefangen Deutsch zu lernen, dementsprechend ist die Kommunikation immer ein bisschen schwierig. Ich bin genervt, die Hälfte der Klasse hat ihre Hefte vergessen, alle schnattern durcheinander. TICHA!, fauche ich – Ruhe jetzt. Die Kinder gucken mich mit großen Augen an; das Wutmonster ist zufrieden.
Laila kommt zu mir. Sie traut sich kaum mir und dem Wutmonster in die Augen zu schauen, als sie mir eine kitschige, pastellfarbige Karte mit Rosendruck in die Hand drückt. Mit besten Wünschen steht dort auf Russisch. Das Wutmonster und ich, wir sind beide irritiert – es jault und verzieht sich, als ich Lailas krakelige Kinderhandschrift in der Karte lese. Gesundheitswünsche sind das, weil ich ja letzte Woche krank war. Ich grinse innerlich breit und äußerlich ein bisschen – Laila strahlt, auch wenn sie sich immer noch nicht traut mir in die Augen zu schauen. Da ist sie wieder: die Wärme, die in der eisigen Winterluft hängt; omnipräsent.

Abends gehe ich ins Bett, immer noch von Wärme erfüllt. Ich schlafe trotzdem nicht: Der Freund sitzt gerade in einer 900 Stundenkilometer schnellen Sardinenbüchse ziemlich weit im Himmel auf dem Weg nach Tokio. Ich habe keine Flugangst, ich habe Münchhausen-Stellvertreter-Flugangst. Wenn meine Lieben irgendwo hinfliegen, dann werde ich panisch. Ich weiß nicht wieso, es ist nicht rational. Ich bleibe wach und lese. Im Hintergrund dudelt die Playlist, die der Freund mir gemacht hat. Sie ist voll von der kitschigen 1995-2005 Musik, die wir beide so lieben, und ich fühle mich ein Stück zuhause.

Donnerstag gehe ich ins Kino, mit dem Sohn einer Lehrerin meiner Schule. Wir haben uns schon häufiger zu verschiedenen Ereignissen gesehen und es ist erfrischend jemanden in meinem Alter zu sehen – im Regelfall sind alle Menschen um mich herum signifikant jünger oder signifikant älter als ich.
Der Sohn ist groß und breit, er spielt Eishockey, und der Kinositz knartscht bedrohlich, als er sich niederlässt. Er lacht viel und laut, er schläft kurz ein, er lacht wieder. Es ist 10 Uhr morgens und ich sitze im Kino neben einem lachenden, schnarchenden, russischen Bär. Es gibt schlimmeres.
Wir gehen nach dem Kino etwas essen und reden. Der Sohn entschuldigt sich für sein Deutsch, aber ich verstehe alles. Wie die Deutschen Russland sehen, möchte er wissen. Ich druckse ein bisschen. Sei nicht schüchtern! Er könne alles ab, grinst er. Ich erzähle davon, dass viele Menschen in Deutschland Russland als fremd empfinden, gar als bedrohlich. Ich erzähle von meiner Mutter, die mich fragte warum gerade Russland. Sie war schon nicht begeistert, als ich im September in die Ukraine aufbrach, Russland fand sie entsprechend noch weniger akzeptabel. Warum nicht Malaga? fragt sie, halb im Scherz, aber die Wahrheit schimmert durch.
Ich erzähle davon, wieviel Angst ich hatte, als ich flog. Ich erkläre, dass vieles einfach kulturell verwurzelt ist, dass ich ein offener Mensch bin, ich studiere Europastudien mit Fokus auf Osteuropa. Ich hatte trotzdem Angst. Der Sohn nickt, er versteht. Er versteht, dass die Menschen in Europa nicht verstehen. Russland ist groß und historisch kompliziert. Er versteht, dass ich Dinge anders sehe als er, aber er sagt auch, dass die Menschen im Westen arrogant sind. Sie glauben, sie kennen die Wahrheit. Er hat Recht. Wir in Deutschland reden über die armen Russen, die sich vom Staatsfernsehen bescheißen lassen und vergessen dabei, dass die europäischen Medien genau so alles aus dem Kontext reißen. Russland ist ein totalitärer Staat, das muss ganz klar verstanden werden, aber wir Europäer verstehen trotzdem nicht alles. Wir sind nicht besser, wir sind anders. Wir vergessen, dass Russland nicht der Kreml ist, sondern Menschen, wie der Sohn, die Lehrerin, die Gastschwester.

Wir reden über die Sanktionen – wie die EU den Kreml bestrafen wollte, und doch die russischen Menschen bestrafte. Der Sohn zuckt mit den Schultern – den Politikern sei es egal, ob ihr Essen jetzt mehr kostet. Das ist ein Problem der kleinen Leute. Die Sanktionen werden zur Krim-Krise. Ich beharre auf meine Position, dass es ein Bruch des Völkerrechts ist. Der Sohn versteht das nicht. Jahrhundertlang habe die Krim zu Russland gehört, dann wurden künstliche Grenzen gezogen, auf Einmal war sie ukrainisch. Dann sowjetisch. Dann ukrainisch.
Wer sich mit der Geschichte Osteuropas beschäftigt kennt das Problem der zerrütteten nationalen Identitäten, das artifizielle, späte Nationbuilding. Osteuropa ist fluide, die Grenzen haben mehr Beine als die Menschen, witzelt der Sohn. Ich verstehe ihn, ich verstehe was er meint. Ich stimme ihm nicht zu, aber ich sehe, dass wir in Europa mal wieder nicht alles verstehen. Der Sohn versteht mich. Er sagt, er sieht das Problem, die Menschenrechtverletzungen, aber er stimmt mir nicht zu. Unser Agree-to-Disagree fühlt sich trotzdem gut an; eine Horizonterweiterung. Wir essen auf und gehen.

Der Schnee funkelt in der Nachmittagssonne als wir den Lenin-Prospekt hinab laufen. Wir reden über Videospiele, die Metro-Reihe, über Schule, Autofahren, Eishockey, und die Welt. Als er mich zuhause abliefert spüre ich meine Beine nicht mehr, die Kälte ist bis auf die Knochen durchgekrochen. Ich mache mir einen Tee, taue auf, und freue mich über den Tag.

Am Freitagabend gehe ich mit meiner Gastmutter ins Theater. Auf dem Heimweg schneit es, die Weihnachtsbeleuchtungen tauchen die Stadt in Schummerlicht. In der Innenstadt vergisst man die Plattenbauten, die Petersburger Bauten überragen uns alle. Es ist ein Bilderbuchmoment und ich versuche mir alles einzuprägen. Schummerlicht für schwierige Zeiten, quasi.

Später sind wir bei der Babushka. Sie hat für uns gekocht, ihr kleiner Hund Bilka springt uns begeistert um die Beine. Das Haus ist warm und wir essen und trinken Tee und selbstgemachten Wein. Ural-Weintrauben, scherzt die Oma. Der Wein habe wegen ihnen so viel Alkohol wie Schnaps. Ich stimme zu und als ich nicke dreht sich alles.

Die Oma hat noch zwei Hunde auf dem Hof – so stehen wir in der -30°C kalten Nacht und gucken Sterne, während die Oma die Hunde holt. Mein Gastbruder und meine Schwester fangen eine Schneeballschlacht an und auf einmal sind wir alle voll Schnee, zwei Hunde springen zwischen uns hin und her. Ein Schäferhund, Assja, und ein riesiger Kaukasischer Schäferhund, Njusha. Njusha sieht aus wie ein kleiner Bär. Sie ist auch so glücklich.

Wieder glitzert der Schnee, der Mond taucht alles in Silber. Schummerlicht aus den Fenstern des Hauses und dazwischen irgendwo mein leise auseinanderbrechendes Herz, weil ich das hier alles bald zurücklassen muss. Das hier alles so zu lieben war nie mein Plan.

 

 

 

 

One thought on “

  1. Münchhausen-Stellvertreter-Flugangst….nett ausgedrückt. Ich glaube es bleibt nicht aus, dass man sich doch irgendwie verliebt in eine Umgebung. Wenn es passt, dann ist es schwer sich zu verabschieden.

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