Guten Nachmittag, Genossen und Genossinnen. Es ist Zeit für mein allwöchentliches Russland-Resumé, aber mein Kopf ist noch verstopf mit Schnodder und Schnee, deshalb wird diese Ausgabe wohl ein relativ kurzes Vergnügen. Nehmt es mir nicht übel, ewig lange Texte liest eh keiner gerne.
Diese Woche hat sich angefühlt wie ein gewichtiges, melancholisches, aber beruhigendes London Grammar Album, deswegen supplementiere ich euch gleich den Soundtrack zu diesem Blogbeitrag; schwer und schön, genau wie der Schnee, der das Leben in Magnitogorsk gerade ein bisschen entschleunigt und abdumpft. Nehmt euch eine Tasse Tee. Tee ist Zucker für die Seele, sagt meine Gastmutter Natasha. Denkt diese Woche mal daran, auf euch aufzupassen und macht, was euch glücklich macht.


Ich hab euch diese Woche nicht so wirklich viel Spannendes zu erzählen – ich habe sie schließlich fast exklusiv im Bett verbracht. Morgen geht es zurück in die Schülerwellen und auch wenn ich mich noch nicht gesund fühle, so freue ich mich doch endlich wieder was zu tun.

Mittlerweile ist dort dieses ständige, nagende Gefühl, dass mir die Zeit zwischen den Fingern zerrinnt wie Sand. Ich bin der Sand in der unteren Hälfte der Sanduhr; von oben rieselt es beharrlich, der Haufen unter mir wird größer und größer. Mein Herz hüpft, wenn ich daran denke, heim zu fliegen. Ich werde Weihnachten und Neujahr mit all meinen Lieblingsmenschen in Schweden verbringen und alle sind schon wie wild am Planen. Fähren sind gebucht, Wein wird eingekauft und die Vorfreude steigt mit jedem Tag. Überhaupt ist Weihnachten meine Lieblingszeit – meine Familie ist chaotisch und ambitioniert und rastlos; aber selbst bei uns ist die Weihnachtszeit ruhig. Mein Dad ist Bauingenieur und hat gerade sein letztes Mammut-Projekt übergeben, es gibt also keine panischen Anrufe, weil irgendwo irgendwie Wasser läuft oder Kupfer geklaut wird; meine Mom hat großzügig Urlaub einberäumt, Oma plant schon das Essen und selbst der Freund kommt am 2. Weihnachtstag. Ich bin glücklich, mein Herz hüpft, aber da ist auch jedes Mal ein fieser, kleiner Stich. Er erinnert mich daran, dass ich hier auch einen Haufen zurücklasse – die Kinderwellen, die Freundschaften und “meine russische Familie”, wie meine Gastmutter immer sagt. Der Gedanke daran lässt meinen Magen verkrampfen, habe ich doch hier das Gefühl eben nicht zu Gast zu sein, sondern dazuzugehören. Es ist komisch, wie eine so kurze Zeit reicht um ein solches Gefüge zu instituieren, aber es reicht.

Diese Woche habe ich so ziemlich die gesamte Familie (entfernt und nah) sowie den gesamten Freundeskreis meiner Gastfamilie kennen gelernt. Sie haben gehört, dass ich krank bin, und da hier jede Erkältung konsequent wie eine Nahtoderfahrung behandelt wird, wurde ich versorgt. Aber volle Lotte, mit Anlauf. Menschen brachten Tee, Beeren, Gemüse, Medikamente, esoterischen Krams, Räucherstäbchen, und unterlassene Hilfeleistung in kleinen Ampullen (Homöopathie ist hier voll im Trend). Ich war dankbar für alles, einfach weil jemand an mich dachte. Ich habe gesiecht und russisch gelernt und schlechte Drama-Serien geschaut.

Gestern hatte ich dann das Vergnügen, im Lokalfernsehen bei einer Kochshow auftreten zu dürfen. Ist natürlich super für mich, deren erklärte Lebensziele “möglichst weit weg von jedweder Zivilisation leben” und “mit Menschen sprechen ohne hektische Schweißausbrüche zu kriegen” beinhalten. Es war eng und heiß und die Lichter der Kameras haben mir Löcher in den Nacken gebrannt, aber am Ende des Tages habe ich es überlebt (und sogar gewonnen). Trotzdem würde ich das Tam-Tam ungern wiederholen.

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Bonus-Cat Content, weil keine Fotos diese Woche.

Jetzt ist er hier, der Sonntag. Mein Gastbruder spielt auf seinem Nintendo DS, meine Gastmutter guckt Heroes, der Gastvater muss arbeiten und die Gastschwester ist bei einer Freundin. Frossja liegt auf meinen Füßen und schnurrt; seit der offiziellen Familienintegration liebt mich das Biest. Es ist ruhig und still und schön. Morgen kommt ein Kamerateam eines anderen Lokalsenders in die Schule und will mich beim Unterricht filmen – ich bin unbegeistert. Unbegeisterterweise werde ich mich jetzt auf den Unterricht vorbereiten. Ich möchte nicht.

Dreißig Tage noch. Drei mal zehn Tage.

Trinkt euren Tee, Kinder. Ruft eure Muttis an, streichelt eure Katzen, umarmt eure Lieblingsmenschen. Heute ist ein guter Tag dafür.

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