Wilkommen zurück in Russland! Woche Nummer Drei ist vorbeigekommen, sie lädt euch auf eine Tasse Tee ein. Vielleicht auch Wildbeerensud, wenn ihr keinen Tee mögt. Sie hat auch einen großen Kürbis dabei, für Suppe. Ich hoffe, ihr seid gut durch den Schnee gekommen – am Sonntag wird hier nicht geräumt. Setzt euch, aber lasst die Schuhe draußen. Sonst ist die ganze Wohnung wieder nass.

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Geistergallerie

Die Woche startet mit Halloween – hier eher nicht zelebriert, aber gerade bei den Kindern doch omnipräsent. Wir malen Geister und hören dabei Hui Buh Hörbücher und üben dann ein Theaterstück mit einem Geist. Eine der vielen Maschas verheddert sich im Gespenster-Bettlaken und kippt um. Das tumbe Aufschlaggeräusch ist laut genug, dass die Klavierlehrerin im Raum unter uns sich verspielt. Mascha lacht gehässig, als sie sich aus dem Laken befreit, sie mag die Klavierlehrerin nicht.

Dienstag verschlafe ich komplett. Ich bin müde und genervt von dem Schnee in meinen Schuhen. Dienstage sind Montage für Anfänger.

Mittwoch setzt die Panik langsam ein. Am Freitag soll ich umziehen, ans andere Ende der Stadt, nach Sovjetskaja. Weit weg von der Schule, den Schülern und allem was ich langsam als eine Art zuhause identifiziert habe. Ich mag nicht. Ich freue mich auf ein vernünftiges Bett, mit Matratze und so, aber ich mag nicht. In meinem neuen Haus gibt es keine Katzen.

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Der Streunerfreund. Die Hausbewohner stellen ihm zumindest Futter hin.
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Der Opa.

Apropos, ich habe einen Streunerfreund gefunden. Er ist alt und sein Fell ist ölig. Er wohnt in unserem Hausflur und hat große, freundliche Augen. Ich nenne ihn den Opa, wegen seinem grauen Fell. Er brrrrt-et mich jeden Morgen an, wenn ich zu spät an ihm vorbei eile und wartet auf mich, wenn ich heim komme. Dann setze ich mich auf die Treppenstufen und er kugelt sich in meinem Schoß ein. Er schnurrt und die Welt ist in Ordnung. Mein Herz bricht trotzdem jedes Mal, wenn ich ihm die Tür vor der Nase zuschlagen muss. Ich denke an meinen dicken, orangen Kater daheim und möchte den Opa am liebsten mit einpacken. Ich verfluche mich dafür, keinen festen Job und keine Kohle zu haben und verdränge den Gedanken daran, den Opa hier lassen zu müssen. Der Opa schnurrt mich an.

Am Mittwoch-Abend steht meine Gastfamilie in der Küche. Sie holen den Champagner raus und Tischfeuerwerke und ganz viel Essen. Ich frage nach dem Anlass und meine Gastmutter grinst. Im Chor fragen sie mich, ob sie meine russische Familie werden dürfen. Ich glotze sie nur dumm an – bis ich dann verstehe. Dann heule ich schon wieder. Ich glaube, ich habe in den letzten zehn Jahren Deutschland insgesamt nicht so viel geheult wie in den letzten drei Wochen Russland. Ich werde bei ihnen bleiben, wir köpfen den Champagner und wir essen. Nach dem Essen grinst mein kleiner Gastbruder mich an. Es folgt der feierliche Aufnahmeritus in die Familie: Ich werde ins Abwasch-Schere-Stein-Papier eingegliedert. Ich verliere prompt und muss abwaschen; die Familie bleibt in der Küche und feuert mich an.

Der Donnerstag ist frei und ich hole den Schlaf nach, den ich in der Woche verloren habe. Es ist fantastisch. Ich liebe schlafen. Ich liebe mein Drahtgestellmetallbett ohne Matratze. Bсе будет хорошо – Alles wird gut. Nach diesen Tagen glaube ich fest daran.

Freitag ist ein Feiertag in Russland. Keiner kann mir so genau erklären warum und es ist allen Beteiligten sichtbar peinlich, aber das ist in Deutschland auch nicht anders. Wir sind froh über den freien Tag und schlendern durch die Stadt.
In der Innenstadt vergisst man die Plattenbauten fast. Dort stehen Monumente und wunderschöne Petersburger Bauten. Wir kämpfen uns bei Minus Elf Grad durch den Schnee und fallen bei Subway ein – der Gastvater grummelt, er versteht nicht wieso. Ein Butterbrot kann man auch zuhause belegen, immer dieses amerikanische Fastfood Zeug. Die Mutter boxt ihm in die Seite und er versucht nicht zu grinsen. Es gelingt ihm nicht, mal wieder.

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Lenin is my bae.

Es kam wie es kommen musste – die Kälte hat mich erledigt. Seit Samstag Mittag liege ich nur noch rammdösig im Bett rum und hoffe, dass die Erkältung bald vorbei geht. Gefühlt die halbe Verwandtschaft war hier, sie haben Obst und Gemüse von ihren Datschen für mich gebracht, damit es mir besser geht. Jede Stunde kriege ich einen anderen Sud vorgesetzt oder mir werden Senfkörner in den BH gestopft. Ich kann damit leben, es gibt Piroshki.

Bсе будет хорошо – diesen Satz habe ich letzte Woche tausendfach gehört. Von meinen schwappenden Schülerwellen zu Lehrern zu Eltern. Ich hätte ihnen glauben sollen.
Bсе будет хорошо.
Immer. 


Falls ihr es verpasst habt findet ihr übrigens hier meine Erlebnisse aus Woche Eins und Woche Zwei.

6 thoughts on “

  1. Es freut mich sehr, dass Deine Gastfamilien-Odyssee zu Ende ist und Du einen so netten Familienaschluss hast.
    In dem Sinne: Всё будит хорошо и быстрой поправки!

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  2. Ich sag’s mal auf gut Deutsch (Russisch führt bei mir zu peinlichen Grammatikunfällen):
    Kein Wunder, dass du nach dem ganzen Stress erst mal krank geworden bist. Aber um so mehr freue ich mich, dass du jetzt so gut angekommen bist. Alles wird noch besser! ^^

    Liked by 1 person

    1. Da hast du wohl recht – aber ich wünschte doch, ich müsste jetzt nicht auf dem Drahtgestellbett herumvegetieren 😀 Und das mit den Grammatikunfällen kenne ich leider zu gut…

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