Heute ist einer dieser Tage, da möchte ich mich auf den Boden legen und einfach nur flach atmen. Nichts weiter, ein und aus und ein und aus, bis das Chaos wieder normal erscheint. Ich glaube das sollten wir vielleicht alle hin und wieder etwas häufiger machen. Bevor wir ausrasten – erst Mal blöd rumliegen.
Willkommen zu Runde zwei von Na Wostoky, wilkommen im Chaos, wilkommen in Russland. Schön, dass ihr da seid. Nehmt euch einen Tee und vielleicht ein paar Kekse, die sind gut. Also manchmal. Die Kekse hier sind immer entweder elementar besser oder elementar schlechter als in Deutschland, je nach Sorte, aber was ist das Leben ohne Risiko?

Nehmt den Keks.

Tut es.
(Randnotiz: Aber nicht die mit den Sonnenblumenkernen und dem weißen Zeug oben drauf. Die sind steinhart.)

Woche zwei hat mich ganz schön übel durch die Mangel gedreht – meine Gastfamilie hat mich am Donnerstag rausgeschmissen und dann musste schnell Ersatz her. Mittlerweile wohne ich bei der Lieblingsschülerin #2 und ihrer Familie. Es sind wunderbare Menschen; die Mutter eine Buchhalterin, der Vater arbeitet im Kombinat, die Kids lernen bei mir in der Schule. Leider bleibe ich hier nur bis nächsten Samstag, aber ich kann denen ja nicht ewig ihr Wohnzimmer blockieren. Und – um ehrlich zu sein – so richtig bequem ist das nicht auf einem Drahtbettgestell vor dem Sofa ohne Matratze. Trotzdem werde ich einen Teufel tun und mich beschweren, das Leben war doch wieder gut zu mir.

Diese Woche habe ich viel entdeckt. Neben dem Uralgebirge auch eine endlos wütende Ader in mir, die sich gerne über indifferente Elftklässler entlädt. Deutsch ist hier ein Wahlfach, warum wählst du Deutsch, wenn du dir eh nur den Lippenstift nachziehst und dann demonstrativ gelangweilt dreißig Minuten lang ein einzelnes Wort im Wörterbuch suchst? (Randnotiz: Ich habe kurzfristig in Erwägung gezogen, dass die Lady vielleicht einfach nur sehr, sehr kurzsichtig ist und eben eine Weile braucht. Da sie mit Hingabe SMS schreibt, habe ich diese Möglichkeit aber ausgeschlossen.)

Entdeckt habe ich auch den Pausenraum des fast blinden Hausmeisters, der mich daraufhin auf einen Tee einlud und von seiner Frau erzählte. Auch sie ist an Krebs gestorben, aber es sei okay für ihn, erzählt er. Lieber ein paar Jahre mit ihr als eine Ewigkeit mit jemand Anderem. Ich hänge mir wieder einen Zettel an meine mentale Pinnwand – zum Einen, dem Hausmeister Batterien mitzubringen, denn seine Uhr ist stehen geblieben. Es sei egal, er könne sie ja eh nicht mehr lesen, aber ohne das Ticken sei es so still in dem Kämmerchen, spricht er während er mit den Schultern zuckt; zum Anderen notiere ich mir: Mehr Wertschätzung. Ich verlasse das Kämmerchen von dem Hausmeister und fühle mich traurigglücklich.
Die Lehrerin steht schon in der Tür zu meinem Klassenraum, sie strahlt und umarmt mich. Ich bin ein bisschen verwirrt, aber sie sprudelt schon los. „Dein Russisch, dein Russisch! Das war sehr gut!“. Ich wundere mich kurz, dann wird mir klar, dass der alte, fast blinde Hausmeister gar kein Englisch oder Deutsch spricht und ich grinse. Bevor ich etwas erwidern kann rollt jedoch eine Welle Kinder in den Raum. Sie sind laut und schnattern und glucksen fröhlich; ich atme tief ein und stürze mich in die Brandung.

Die Woche kommt und nimmt mich am Handgelenk. Sie schleift mich durch Klassenzimmer und Welten, die immer noch unendlich fremd sind. Manchmal piekst sie mich ganz leise in die Seite, immer dann, wenn ich das Gesicht im Bauchfell meines Katers vergraben möchte oder mir wünsche, dass es der Freund wäre und nicht die Woche, der mich am Handgelenk packt und mitreißt. Dann ist da wieder der Countdown auf meinem Handy der mir verspricht, dass ich in 44 kurzen Tagen noch eine ganze Ewigkeit für Kater und Freund habe, und die Woche schubst mich an den Schultern in den nächsten Klassenraum.

Ich zeige Bilder von zuhause, meiner Wohnung, meinem Leben, meiner Stadt. Ich fühle mich schlecht, weil die Kinder so große Augen bekommen. Sie wollen auch ein Schloss in der Stadt und eine Vier-Zimmer-Wohnung und eine Uni, die man umsonst besuchen kann. Stattdessen bekommen sie Schwermetalle und Schwermut. Den Kindern ist das aber egal, und während ich mir angestrengt auf die Lippe beiße und auf die Frage, ob ich wirklich ein eigenes Auto habe wahrheitsgemäß antworten soll, während ich mir wieder Sorgen mache, da basteln die Kinder schon wieder Stadtwappen und Stadtpläne, sie erzählen mir von ihrer Stadt und ihrer Schule und wie sehr sie es hier lieben. Sie sind stolz, als sie mir von ihren Denkmälern und Rathäusern erzählen; ich bin stolz, weil sie das fast fehlerfrei können. Am Ende des Tages gehen wir alle mit leuchtenden Augen nach Hause.

Mittwoch kommt. Meine Gastmutter sagt, dass ich weg muss. Sie sagt es mir nicht selbst, sondern lässt es mir von der Lehrerin ausrichten. Ihr Sohn käme nach Hause, von der Uni aus Chelyabinsk, und er wolle nicht im Wohnzimmer schlafen. Ich muss weg. Ich frage nicht nach, warum ich nicht im Wohnzimmer schlafen kann, hat der Sohn doch schon an anderer Stelle klar gemacht, dass ich für ihn unerwünscht bin. Die Lehrerin ist wütend. Ich habe Angst. Nach dem Unterricht sitze ich in meinem Klassenzimmer, weil ich nicht nach Hause will. Ich bin verheult und mein Gesicht ist aufgequollen und ich weiß nicht wohin mit mir. Als ich kurz die Augen schließe, höre ich die Brandung wieder. Leise plätschern Kinder in mein Klassenzimmer; und als ich die Augen öffne stehe ich im Meer. Meine dritten Klassen sind dort, alle drei. Sie haben gehört. Sie wollen nicht, dass ich traurig bin, deswegen haben sie mir eine Puppe gekauft. Sie trägt ein pinkes Kleid und heißt Masha und wenn man ihr auf den Bauch drückt dann schreit sie nach Brei. Ich heule noch viel mehr, als sie mir erzählen, dass sie halt bei mir in der Schule schlafen werden wenn ich jetzt kein Zuhause mehr habe. Es ist ein halbglückliches, halbpanisches Heulen.

Ich komme nach Hause und Twittermenschen stehen mir bei. Ich heule wieder, aber es wird alles besser. Die Lehrerin ruft mich an, sie käme morgen um mich zu holen, weil die Familie von Lieblingsschülerin #2 mir Obdach gibt.

Ich esse zu Abend bei der anderen Lieblingsschülerin. Sie ist klug und schön und ahnt nicht mal, wie ihr die Welt zu Füßen liegen könnte, wenn sie ein bisschen mehr lernen würde. Sie steht kurz vorm Abitur, aber sie hat keine Lust mehr. Sie sagt, sie mag nur Deutsch und zwinkert mir zu. Ich beschließe nichts zu sagen, weil sie mir nicht zuhören würde und höre stattdessen ihr und ihrer Mutter beim Singen zu. Der Vater erzählt von einem Bären im Zoo, Banim heisse er, und er könne Alkoholflaschen öffnen. Ich müsse ihn sehen, weil ich ja in Russland bin, und da muss man Bären sehen. Und dieser Bär, der Banim, dass sei der Beste. Wir beschließen in den nächsten Wochen in den Zoo zu fahren. Die Mutter packt mir zwei große Stücke Schokoladentorte ein und ich gehe mit einem Schokoladentortengrinsen heim.

Am nächsten Morgen packe ich meine Koffer. Die Babushka weint und ich weine auch wieder. Sie entschuldigt sich. Die Lehrerin holt mich ab und wir schlüpfen aus dem Haus. Kurz bevor wir im Auto verschwinden fängt uns meine Gastmutter ab, die gerade von der Arbeit nach Hause kommt. Sie umarmt mich und sagt, wir müssen unbedingt noch ins Kino und Sehenswürdigkeiten ansehen und und und – ich nicke sie nur an. Einen Teufel werde ich tun.

Die Wohnung der Familie von Lieblingsschülerin #2 ist warm. Sie hat eine Katze und wo Katzen sind, da ist es immer warm. Wieder werde ich mit Tee versorgt und gefüttert und umarmt. Ich sitze lange mit Lieblingsschülerin #2 auf dem Sofa. Wir reden über Deutschland und Russland und alles dazwischen.

Am Freitag bringt der Vater ein Stück Stahl auf dem Kombinat mit. Eingeprägt ist das Datum – „Damit du unser Treffen in Erinnerung behältst.“, grummelt er. Er sieht aus wie Jesse Pinkman, in alt und russisch. Der Stahl ist hart und kalt und hinterlässt schwarze Spuren in meinen Händen, aber ich drücke ihn trotzdem fest und dankbar.

Abends schleift die Lieblingsschülerin #2 mich mit in den Englischclub ihrer Stadt. Sie feiern Halloween. Es ist ein bisschen komisch, weil sich keiner kennt, aber dann ist es sehr nett und auch dort gehe ich mit einem Grinsen fort.

Am Samstag kommt das Kackkind zu mir. Er sagt, dass ihm leid täte, was passiert wäre. Russland sei so nicht. Er schäme sich für sein Land. Er weint fast. Ich tröste ihn und verzeihe ihm mental, dass er mich hässlich genannt hat. Der Unterricht läuft gut, auch wenn ich Samstagsunterricht für eine Menschenrechtsverletzung halte, und ich finde langsam meinen Rhythmus wieder. Die schwappenden Wellen von Kindern tun ihr übrigens, und so schwappe ich selig mit, von rechts nach links.

„W DEREWNJE!“ brüllt mir meine Gastmutter entgegen. „Oh, sorry, I think you wear headphones.“ entschuldigt sie sich so gleich. Ob ich mit will, aufs Dorf, die Datscha winterfest machen – es schneie ja jetzt schon so viel. Ich will.

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Es funktioniert.  Rabota, rabota.

Die Datscha ist eine Blockhütte, bzw. eher ein Blockhaus. Lieblingsschülerin #2 hat Sport und ist nicht dabei, so muss ich wieder russisch reden. Es geht besser, aber ich fühle mich immer noch unsagbar dumm und verfluche mich für jede verpasste Russischstunde. Der Vater erzählt, dass sie hier im Alter leben wollen, deswegen haben sie die Datscha im Sommer gekauft. Noch ist nichts fertig, das Haus ist komplett entkernt, aber man sieht, dass es werden wird. In der Küche steht ein mehr als antiker Herd, auf dem die Gastmutter Tee kocht, während der Vater die Mausefallen kontrolliert.

Wie viele Fallen hier liegen, erkundige ich mich. Vier, antwortet der Gastvater. Das Feuer knistert im Kamin und er widmet sich wieder den Fallen. Ich bewundere den an die Wand genagelten Rückspiegel (Lada, erzählt die Mutter) anstelle eines Badspiegels, als der Vater losschreit. FÜNF, brüllt er, jault er, es waren fünf Fallen! Die Mutter lacht so laut, dass ihr Tee aus der Nase fließt und der Vater will ärgerlich sein über die Falle, die an seinem Fuß baumelt, aber er muss auch lachen.

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Dies ist ein Spiegel und ein Sinnbild. Viel Spaß.

Wir gehen spazieren, durch den Schnee, der mir hier im Gebirge schon fast bis an das Knie reicht. Wir klettern über einen Bach und essen gefrorene Beeren. Ich habe keine Liebe für Länder, aber wenn ich eines lieben würde, dann dieses. Nicht seine Politik, seine Gesetze, sondern seine Menschen und Beeren und Bären und seine Torte und seine Berge und seinen Tee.

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7 thoughts on “

  1. Mein offizielles Lieblingswort des Tages: “traurigglücklich”. Eines Tages schreibe ich es in schönen Lettern und rahme es ein. Danke Dir dafür.

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  2. Pingback: Librophilée

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