Guten Abend, Towarischtschi! Es ist Sonntag, der 23. Oktober, was bedeutet dass ich offiziell seit über einer Woche in Russland bin – und ich lebe noch! Zeit, ein bisschen literarisch zu meditieren und die letzte Woche mal Revue passieren zu lassen.
Keine Zeit? Dann hier die Kurzzusammenfassung für den eiligen Genossen.

3 Wodkagläser für Wassergläser gehalten
4 sehr betrunkenen russische Dedushkas, mit denen ich tanzen musste
1 sehr, sehr dicke Beule am Schädel
2 mal in der Schule verloren gegangen und vom blinden Hausmeister gerettet worden
3 mal Kaffee mit alkoholischem Nachgeschmack gehabt
oft andächtig vor merkwürdigen Denkmälern gestanden (davon mind. 3 Lenin-Statuen)

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Ersatzverkehr mit Russen; für die beziehungsflexibleren Temporärauswander unter euch

Generell würde ich mich als versierten Reisenden beschreiben – ich habe zwei Wohnsitze in zwei verschiedenen Ländern, einen Reisepass mit Stempeln und Visas voll bekommen und ca. 34 angefangene Reisetagebücher, welche ich nicht fertig geschrieben haben. Irgendwo tief in mir drin habe ich mir wohl gedacht: Boah, Russland, cool, mach mal. Sind ja nur zwei Monate.

Kennt ihr das, wenn jemand so dumme Dinge tut, dass man ihn an den Schultern greifen und schütteln bzw. ihm etwas Vernunft in den Hinterkopf schlagen möchte? So ging es mir mit mir selbst am Flughafen. Gottseidank war meine bessere Hälfte B am Flughafen mit am Start (eigentlich ist sie genau so schlimm wie ich, nur kleiner) und hat mein Brötchen für mich fertig gegessen, während ich semi-fröhlich überlegt habe in welchen der umliegenden Mülleimer es sich wohl am elegantesten kotzt.

Flugreisentechnisch lief das alles in etwas so glatt wie Nacktschnecke im Regen, insofern bin ich – mit kurzer Sandwichpause in Moskau – ziemlich planmäßig in Magnitogorsk aufgeschlagen. Planmäßig ungeplant wohlgemerkt, der Flughafen liegt so in der verdammten Wallapampa, dass man, in Ermangelung an Lichtern am Boden, die Landebahn nicht kommen sehen kann, was mich in dem Moment schon hätte stutzig werden lassen sollen. Ähnlich wie das kollektive Schreien aller Passagiere beim unerwarteten Aufschlag auf besagter Landebahn entscheide ich mich nachträglich dazu den ganzen Scheiß als Omen zu sehen.
Dann ist lange Zeit erstmal nichts passiert. Gar nichts. Absolut gar nichts. Ziemlich genau drei Stunden, um das etwas zu präzisieren, habe ich im Schneesturm gestanden, weil der prähistorische Flughafen schon wieder geschlossen hatte, meine Betreuerin aber anscheinend noch ihr Kopfkissen lieb hatte. Es ist immer schön in ein neues, fremdes Land zu kommen und erstmal am Flughafen vergessen zu werden, oder?

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Welcome to Russia, Bitches (Stunde 2 von 3).

Während mein innerer Kontrollfreak auch eine Woche später noch akute Traumatafolgestörungen bekämpft (zum Beispiel, dass ich jedes Mal panisch werde, wenn jemand auch nur eine Minute zu spät ist), so hat sich doch der Rest der Magnitogorsker als zumindest etwas zuverlässiger herausgestellt – und darüber bin ich doch etwas froh. Ein bisschen. Wirklich.

Tja, was kann ich euch so erzählen?
Als Erstes: Russland ist genau so wie man denkt.
Als zweites: Russland ist kein bisschen so wie man denkt.

Da ist dieser Mythos, den ich vor meiner Abreise überall gehört habe – ich nenne ihn liebevoll Das Gefrierschrankmärchen. Russen sind kalt, abweisend, lächeln nicht, verschlossen, erst freundlich wenn man gut befreundet ist – all sowas wurde mir erzählt. Von meinem Russischlehrbuch, von den Menschen um mich herum, von meinem Reiseratgeber. Stattdessen wurde ich mit einem großen, grinsenden Bärenlachen empfangen, aufgetaut, gefüttert und mit Tee eingedeckt. Ich wurde beschenkt und besungen und umarmt, betanzt, ausgelacht, mitbelacht und angeblich auch geliebt. So kalt und grau dieses Land auch ist, so warm und bunt sind seine Menschen.
Auf der anderen Seite sieht zumindest Magnitogorsk einfach genau so aus, wie ich mir eine verfallene postsowjetische Industriestadt vorstelle. Die Gebäude sind instabil und dreckig, überall sind Schriftzüge, die den Frieden propagieren, alles sieht so aus, als wäre es nicht mal vor 50 Jahren schön gewesen. Magnitogorsk bedeutet wörtlich übersetzt Die Stadt am magnetischen Berg, aber selbst den hat das örtliche Stahlkombinat MMK schon abgebaut und in Stahl verwurstet. Magnitogorsk ist hässlich, wunderschön hässlich.

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Ich sollte Bethesda vielleicht nahe legen, dass sie ihren nächsten postapokalyptischen Shooter in Magnitogorsk spielen lassen. Ist nur so ‘ne Idee, die sich hier aufdrängt.

Der Countdown auf meine Handy sagt, dass ich noch genau 51 Tage habe, bis ich wieder heim fahre. Mitten in der Weihnachtszeit geht es zurück nach Deutschland, zum Freund, zu den Katzes, zu B, zu meinen Eltern. Es ist jetzt schon ein unfassbar bittersüßes Gefühl, jeder Tag, der vorbeizieht, ist ein Jubeln, weil er mich dichter an den Rückflug bringt, aber auch ein Schluchzen, weil ich weiß, dass ich vielleicht nie wieder an diesen Ort zurückkehren werde. Magnitogorsk ist kein Ort den man besucht, nicht freiwillig, Magnitogorsk ist ein Ort an dem man überlebt. Man arbeitet, man verdient Geld, aber man bleibt nicht, wenn man nicht muss. Das Blacksmith Institute hat die Stadt als eine der 30 am meisten verschmutztesten Städte der Welt benannt und Schätzungen zu Folge sind weniger als 1% aller Kinder in Magnitogorsk gesund. Die Luft ist voll von Schwefeldioxid und Blei und anderen Schwermetallen, das Trinkwasser untrinkbar. Wenn der Wind dreht und die Abgase des Kombinats über die Stadt treibt, dann liegt ein schwerer, dicker, bitterer Geschmack auf den Zungen Magnitogorsks. Die Lehrerin im Klassenzimmer seufzt und schließt das Fenster. Sie hat Krebs. Ihr Vater hat Krebs. Ihr Sohn hat Krebs. Blutkrebs, erzählt sie. Chemo habe sie hinter sich, sie gilt als geheilt, aber ihrem Vater ginge es nicht gut. Sie guckt so traurig, dass ich sie in den Arm nehmen möchte, aber in meinem Hinterkopf sitzt das Gefrierschrankmärchen und ich lasse es, trinke weiter still den omnipräsenten Tschai, den schwarzen Tee. Auf dem Weg nach Hause ist er wieder da, der Geschmack. Bitter und traurig.

Ich bin hier um zu arbeiten. Und so verbringe ich den Tag in der Schule mit der Lehrerin. Sie ist leidenschaftlich, lehrt die Kinder mit Energie und Kreativität und die Schüler streiten sich, wer zu erst antworten darf. Sie wollen wissen, wie alt ich bin, ob meine Oma einen Hamster hat und ob es die Farbe Blau in Deutschland gibt. Ich hinterfrage schon lange nicht mehr, sondern erzähle von den blauen Lichtern im Hamburger Hafen und meinem (zugegebenermaßen schon relativ lange toten) Hamster, weil meine Oma ja nun mal keinen hat. Die Lehrerin lacht laut und viel und in der Pause laufen Kinder kichernd an meinem Klassenzimmer vorbei. Sie zeigen auf mich. Ein Mädchen wird vorgeschubst. Zögernd fragt sie auf Russisch, ob die Kinder ein Foto mit mir machen dürfen, sie würden doch so gerne. Fotolächeln an (wie so häufig in den letzten Tagen), Blitz, Blitz, Lachen. Die Mädchen verschwinden.

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Ich habe auch Nachteile in Russland kennen gelernt. Große sogar, bzw. kleine, wenn man es genau nimmt.

Ich korrigiere Powerpoint-Präsentation und sehe Übergabe von Sprachdiplomen. Ich esse mit Schülern bei Burger King und bringe es nicht übers Herz ihnen zu erzählen, dass es BK auch in Deutschland gibt. Sie sind sehr stolz, dass der reiche amerikanische Mann genau in ihrer Stadt ein Restaurant aufgemacht hat. Sie sind nicht naiv, sie sind nicht dumm, sie sind nicht uninformiert – sie sind einfach glücklich über die kleinen Dinge. Ich mache mir eine mentale Notiz, mir eine Scheibe davon abzuschneiden. Ich unterrichte und habe Angst, weil ich das ja eigentlich gar nicht kann – aber es geht. Die Schüler sind begeistert, als ich ihnen eine kreative Aufgabe gebe. Stell dir vor, du wachst morgens auf, und alle Menschen sind weg. Alles ist wie vorher, aber du bist allein. Auf einmal bekommst du eine SMS von einer unbekannten Nummer – “Hallo?”. Nadezhda schreibt darüber, dass es ihr leid tut, aber dass ihre Vorräte fast aufgebraucht sind und dass es draußen kalt ist. Sie blockt die Nummer. Nastja fragt, wo die Person ist und schickt ihren Hund mit Vodka los. Yulia erwacht aus ihrem Traum und umarmt ihre Mutter. Dann essen sie zusammen Blini. Die Kinder sind kreativ und laut und begeistert und die Stunde trägt sich ganz von alleine.

Russland ist unbequem für mich. Ich verstehe es manchmal nicht, ich verstehe die Sprache nicht oder nur wenig, ich verstehe nicht warum Dinge passieren. Ich musste schmerzhaft lernen, das Wodka in Wassergläsern serviert wird und das man – wenn man einmal angefangen hat – auch austrinken muss. In Russland gehen die Uhren buchstäblich anders und ich arbeite noch daran, mich von dem Gedanken zu verabschieden, alles mit Deutschland zu vergleichen. Fuck eurocentrism, und so.

 

Na Wostoky, eh? hat die Babushka gefragt, als ich angekommen bin. Potemy shto? Ostwärts, wunderte sie sich. Warum ich ostwärts gehe und nicht in den Westen, nach Amerika, nach Hollywood oder New York oder dort, wo die jungen Leute eben hinwollen.
Ich weiß es nicht, habe ich geantwortet, Ja ne snaju. Vielleicht, weil ich so viel Angst hatte. Weil ich wusste, dass man unfassbar viele Vorurteile haben muss, um so Angst vor einem Ort zu haben. Wenn man an die da drüben denkt, und nicht daran, dass dort Menschen genau so leben wie bei uns.
Angst habe ich immer noch, aber wenigstens fühle ich mich dabei jetzt sehr, sehr dumm.

 

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Bitte kurz andächtig schauen. Danke.

 

Mehr von meinen Abenteuern in Russland gibt es auf Twitter unter dem Hashtag #RussianDiaries.

6 thoughts on “

  1. Pingback: Librophilée

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