Dobre Djen, Genossen, und wilkommen zu einer – lang überfälligen – neuen Rezensionsrunde! Draußen hackt auf dem Plattenbau-Parkplatz ein russischer Bär Holz, die Wohnung wummert angenehm durch die penetrante Turbofolk-Beschallung der Mieter drüber, und mein Kaffee hat einen verdächtig alkoholischen Nachgeschmack. Gäbe es einen besseren Zeitpunkt um zu schreiben? Ich glaube nicht, nein.

Heute widme ich mich einem wahren Prachtstück, dessen Rezension ich ewig lange aufgeschoben hab (Asche auf mein Haupt), weil so viel Stress war und ich den Scheiß gefälligst vernünftig machen wollte. Es gibt Bücher, da sind Donnerstag-Nachmittag-Schnellrezis okay, aber für andere müssen es dann eben schon die gechillter-Sonntag-Rezensionen sein. Nina C. Hasses Buch gehört für mich eben genau dazu.

In einer früheren Rezension habe ich ja schon ausgiebig Hasses Kurzgeschichte Der Traum vom Fliegen beschwärmt, deshalb war ich wahnsinnig gespannt darauf, Ersticktes Matt zu lesen. Genervt wurde die Autorin auch damals schon mit Spin-Off wünschen zu  Sidekick Madeline – daran halte ich auch fest; wir brauchen alle etwas mehr Madeline in unserem Leben. Was wir noch brauchen? Als allererstes den Klappentext zu Ersticktes Matt:

“Ein Viertel ohne Hoffnung. Ein Mörder ohne Skrupel.

New York, 1893. In den Floodlands, einem Elendsviertel mitten im East River, verfolgt die  Polizei ein Gespenst. An jedem Tatort eine weibliche Leiche, eine Schachfigur in der Hand. Das Spiel eines Wahnsinnigen?

Für Remy Lafayette, Gesichtsanalytiker und Berater beim New York Floodlands Police Department, wird die Jagd zu einer Reise in die eigene Vergangenheit, als seine ehemalige Verlobte in den Sog der Ereignisse gerät.

Ein Steampunk-Krimi aus den Floodlands.”

Och ja, Steampunk. Böse Zungen behaupten ja, Steampunk sei Trend; ich behaupte, Trend ist nicht schlecht – im Gegensatz! Die Steampunk Renaissance des letzten Jahrzehnts hat mich überaus glücklich gemacht und mir darüber hinaus noch so wunderbare (Gaming-)Titel wie Bioshock Infinite beschert; ich werde also einen Teufel tun und mich darüber beschweren.

design-ohne-titel
Elsa steht auf Steampunk.

Was ich wiederum nicht mag, sind konstruiert-wirkende Welten, die nur um des Trends Willen steampunk-ish modelliert wurden – quasi eine Welt mit einer Prise Steampunk. Das haut so für mich nicht hin. Auch wenn ich mir dafür einen kollektiven Schlag in die Kresse von der allgemeinen Literatengemeinschaft einfange, finde ich, dass Infernal Devices von K. W. Jeter ein gutes Beispiel dafür ist – wobei die Cover Art von der 2011er Ausgabe wirklich eine der coolsten ist, die ich je gesehen habe. Das Buch ist gut, vielleicht in den Top 20 aller Bücher, die ich in meinem Erwachsenenleben so gelesen habe1, trotzdem bleibt Jeters inkonsistentes World Building ein kleines Makel, der mich durchs ganze Buch genervt hat.
Nina Hasse hat es geschafft, eine immersive Welt zu schaffen, die in jedem Moment des Buches die Story begleitet, betont und unterstreicht – und dafür bin ich ihr nach Jeters Eskapaden unfassbar dankbar. Das Buch ist athmosphärisch, ohne gezwungen zu sein; die Welt nuanciert, ohne aufdringlich zu werden. Es ist nicht so, dass das Buch an jeder Ecke schreit “Hallo! Ich bin Steampunk!”, viel mehr ergibt sich das passende Feeling konkludent aus dem Buch.  So muss das, so mag ich das.

Für mich gibt es in Ersticktes Matt nur einen einzigen, kleinen Makel: Der Whodunnit Aspekt war, meiner Meinung nach, vorhersehbar. Ich werde aus Spoilergründen jetzt nicht näher darauf eingehen, aber meine Überraschung hat sich am Ende doch ein wenig in Grenzen gehalten. Dem Buch tut das per se keinen Abbruch, doch denke ich, dass Hasse in ihrem Buch die Chance verpasst hat, den Leser mit dem Ende noch mal so richtig von den Socken zu hauen. So bleibt immerhin ein selbstzufriedenes Ich hab es doch gewusst.

Bis hierhin wäre Ersticktes Matt sicherlich ein gutes Buch, doch der triumphale Sprung zum permanenten Bewohner meines Wohnzimmerbücherregals (höchste Adelung, sozusagen) schafft Hasse mit ihren wahrlich großartig dimensionierten Charakteren. Schon nach dem ich Der Traum vom Fliegen gelesen habe, war mir klar, dass ich Hasses Art Charaktere zu schreiben lieben würde – und ich lag richtig.
Da ist zum einen Remy, ein lieber, leicht zynischer Kerl mit Brummbär-Flair on top, der mir des öfteren mal ein Lächeln auf die Lippen gezaubert hat – aber auch sein Sidekick Madeline ist absolut fantastisch, auch wenn sie mich vermutlich dafür schlagen würde, dass ich sie als Sidekick bezeichnet habe. Die Gute hat Attitude und Witz und – ganz wichtig – weiß wo sie hinwill. Da ich schon ungefähr seit meinem 14. Lebensjahr die Schnauze von Manic Pixie Dreamgirls vollhabe, freuen mich zielstrebige, weibliche Charaktere immer wieder. Be badass und so.
Dazu kommen noch ein Haufen Neben- und Seitencharaktere, die das Buch formen, dimensionieren und mit Leben erwecken. Ich bin Fan.

Fazit? Fazit! Ich habe Ersticktes Matt geliebt. Ich liebe Steampunks, Krimis und – seit neuestem – dann auch Nina C. Hasse.2 Absolute Leseempfehlung von meiner Seite aus.
Fünf von fünf anatomisch korrekten Herzen für Ersticktes Matt!

Design ohne Titel (6)


1 Notwendige Einschränkung, sonst wäre meine Top 20 nämlich gefüllt mit Felix dem Hasen, Mama Muh und Findus & Petterson. Isso.
2 Da die Autorin schon an anderer Stelle in diesem Blog als die Rettung des Selfpublishings gelobhudelt wurde, werde ich mich an dieser Stelle mit feierlichen Preisungseskapaden zurückhalten. Sorry, Mademoiselle Hasse!

Leave a Reply

Fill in your details below or click an icon to log in:

WordPress.com Logo

You are commenting using your WordPress.com account. Log Out / Change )

Twitter picture

You are commenting using your Twitter account. Log Out / Change )

Facebook photo

You are commenting using your Facebook account. Log Out / Change )

Google+ photo

You are commenting using your Google+ account. Log Out / Change )

Connecting to %s