Und schon geht es heute weiter mit der Kategorie “Rezensionen schreiben für Menschen, die ich kenne” – nur das es mir diesmal nicht besonders schwer fällt.
Sven Hensel hat sich bekanntermaßen ja bereits den Titel “Emotionsterrorist” erarbeitet (Shoutout an Madame Zipperling für die Prägung dieses Begriffs), umso schwerer ist mir die Lektüre seines Theaterstücks gestern gefallen.

Ich denke, dass die letzten Tage für uns alle emotional anstrengend waren. Da war das Attentat in Nizza, der Coup in der Türkei, die Anschläge in Würzburg und München – und dazwischen Gewalt und Hass und Polemik, sprühend aus jedem Buchstaben und jeder Leertaste, die so im Netz herumgeistern. Das erste Mal seit Langem habe ich in den letzten Wochen das Gefühl, dass solche Ereignisse mich wieder mitnehmen, mir einen Stich versetzen und mich meine Wertvorstellungen hinterfragen lassen. Am Meisten aber macht mir das alles Angst. Nicht, weil ich fürchte von einem Bekloppten mit einer Axt zersäbelt zu werden oder von weißen Einzeltätern über den Haufen geschossen zu werden oder dass mit der nächsten Autobombe mein Herzblut wortwörtlich in der schönen, weiten Welt verteilt wird – sollte das passieren, dann ist es halt so und mir dann vermutlich auch letztendlich relativ latte. Wahrlich Angst macht mir das Futter, dass hier den Rechtspopulisten und -polemikern auf der flachen Hand serviert wird, weil sie zu blöd sind sich selbst informativ zu ernähren.
Ich wohne in Sachsen, es ist ein offenes Geheimnis, dass das braune Pack hier noch etwas kackbrauner ist alsStop killingpeople you fucking twats (1).jpg sonst wo. Die Salonfähigkeit, mit der der Rassismus hier und dort nach Außen getragen wird ist mehr als nur schockierend. War es doch früher der Casual Racism á la “Das gehört einfach nicht zu Deutschland” oder “Ich habe ja nichts gegen die, aber die sind schon anders als wir“, fühlen sich viele guarte, doiiitsche Patrrrrioten darin legitimiert, Dinge zu sagen wie “Die ganzen Osmanen gehören vergaßt” oder “Die Scheiß-Kanacken vergewaltigen mich immer mit ihren Augen“. Hätte mir jemand vor zwei Jahren erzählt, dass solche Aussagen in Deutschland einmal ins normale Realitätsbild gehören, dann hätte ich ihn wohl für wahnsinnig erklärt.

“Murat Erdal ist Inhaber eines Kiosks in der Kölner Innenstadt und trifft dort tagsüber auf unterschiedliche Menschen, die mit einem unterschwelligen Rassismus aus ihren Leben erzählen. Sogar er selbst wird zur Zielscheibe solcher Anfeindungen, die letztendlich in der Frage gipfeln, ob dieses Land überhaupt noch seine Heimat ist.
Ein Theaterstück über den Alltagsrassismus in Deutschland.”

Vor genau dieser Prämisse hat Allein im Miteinander einfach wehgetan. Mit einer verstörenden Leichtigkeit hat Hensel erst Casual Racism gezeichnet – die kruden Bemerkungen, die hier alltäglich in der Luft liegen und das öffentliche Leben begleiten wie geschmacklose Reconquista Shirts und Alpha Industries Jogginghosen; dann spannt sich die Lage an, eskaliert gar und gipfelt dramatisch.
Dabei werden immer wieder Gründe und Hintergründe geliefert, trotzdem schüttelt man mit dem Kopf.
Zwischen den Charakteren “Ich bin ja kein Nazi, aber…”, “Das wird man ja doch wohl sagen dürfen” und “Dafür habe ich nicht die Eier” begleitet uns Murat Erdal, Besitzer eines kleinen Kiosks.
Murat Erdal ist weise, vielleicht etwas zu weise, und er ist müde. Er ist müde von dem Alltagsrassismus, er ist müde davon, kein Deutscher sein zu sollen, er ist müde von der Nachtschicht in seinem Kiosk. Murat ist ein fein definierter und fein gezeichneter Charakter, dennoch ist er auch mein größter Kritikpunkt in diesem Stück.
Murat ist zu glatt, zu perfekt – es fehlt die Menschlichkeit des Versagens. Er ist stets besonnen und pädagogisch wertvoll, verzweifelt nur im Monolog. Niemand kann ein Murat Erdal sein – dazu sind wir alle zu homo (sapiens).

Ich würde viel dafür geben Alleine im Miteinander tatsächlich mal auf einer Bühne zu sehen. Im Fazit bleibt das Stück feinfühlig und komplex, wenn auch teilweise etwas zu idealisiert. Zwar wird der Rassismus thematisiert, doch sind die Charaktere gelegentlich überzeichnet bis klischeehaft – dagegen steht Murat als Fels in der Brandung, ohne Fehltritt. Mir fehlt dort schlichtweg die eine oder andere Dimension.
Trotzdem ist und bleibt Alleine im Miteinander ein Reality Check; ein Stück, das ich gerne so vielen Menschen arg ans Herz legen würde – nur fürchte ich, dass mich das den einen oder anderen Schneidezahn kosten würde. 4 von 5 Herzen für Alleine im Miteinander!

 

Design ohne Titel


Sven Hensel auf Twitter

Allein im Miteinander auf Amazon

Leave a Reply

Fill in your details below or click an icon to log in:

WordPress.com Logo

You are commenting using your WordPress.com account. Log Out / Change )

Twitter picture

You are commenting using your Twitter account. Log Out / Change )

Facebook photo

You are commenting using your Facebook account. Log Out / Change )

Google+ photo

You are commenting using your Google+ account. Log Out / Change )

Connecting to %s